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Donnerstag, 13. Dezember 2018
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Kurz-Essay

Frieden und ein Geist der Freundschaft
Christoph Quarch / Foto: BUCH CONTACT
 
Frieden und ein Geist der Freundschaft
Was das heutige Europa von Platon lernen kann

Von Christoph Quarch

Der Zusammenhalt bröckelt. Europa steht am Scheideweg. Großbritannien hat der Europäischen Union bereits den Rücken zugekehrt, Ungarn oder Polen sind formell zwar noch dabei, haben sich jedoch von europäischen Kernwerten wie Solidarität und Rechtsstaatlichkeit abgewandt. Die Migrantenströme aus dem Süden und dem Osten haben an den Fundamenten der Union Frakturen sichtbar werden lassen, die die Statik der EU gefährden. Und als Griechenland am Boden lag, war es ausgerechnet die deutsche Regierung, die sich weigerte dem Lande wieder aufzuhelfen. Nationalen Egoismen, anheizt von rechten Populisten, geben mehr und mehr den Ton an – und die eigentliche Grundidee des europäischen Projektes gerät ins Hintertreffen.

Was Europa heute fehlt, ist ein Geist der Freundschaft – ist ein Geist des Friedens und der Freude an der bunten Mannigfaltigkeit der europäischen Kulturen und der Menschen, die hier leben. Es fehlt ein Bewusstsein dessen, was nicht nur die Europäische Union im Innersten zusammenhalten könnte, sondern auch die eigentliche Kernidee der Politik sein sollte; dann zumindest, wenn man es mit Platon (428-348 v.Chr.) hält, jenem ersten großen Denker, der sich immer wieder mit der Frage auseinandersetzte, wie das Miteinander der Menschen gelingen könne.

In seinem letzten und umfangsreichsten Werk mit dem Titel ‚Gesetze‘ (Nomoi), inszenierte Platon ein eigentümliches Gespräch: Drei Männer aus drei unterschiedlichen Städten wandern gemeinsam durch die Bergwälder Kretas und diskutieren dabei Fragen der Politik. Einer von ihnen, ein gewisser Kleinias aus Kreta, hat den Auftrag, für ein neuzugründendes Gemeinwesen namens Magnesia eine Verfassung zu entwerfen. Und da trifft es sich recht gut, dass seine Wanderfreunde versierte Staatsmänner sind, die auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken können. Einer von ihnen stammt aus Athen. Anders als im Falle seines Kollegen Megillos aus Sparta erfahren wir seinen Namen nicht – ein Umstand der viele Interpreten zu der Mutmaßung veranlasst hat, in seinen Worten können man die vox originalis Platons hören.

Sei dem wie es sei. Das Gespräch der Männer kreist um eine Schlüsselfrage: Was ist das Ziel, der Sinn eines Gemeinwesens? Worauf sollte man sich fokussieren, wenn man ihm eine Verfassung geben soll. Den ersten Antwortvorschlag wagt der Herr aus Kreta. Unumwunden stellt er fest, „dass der Gesetzgeber der Kreter fast alle gesetzlichen Regelungen für unser öffentliches und privates Leben mit Blick auf den Krieg getroffen hat.“ Und dies sei einfach zu verstehen, wenn man sich nur klarmache, „dass stets ein lebenslanger Krieg aller gegen alle Staaten besteht“. Deshalb sei, „was die meisten Menschen ‚Frieden‘ nennen, ein leeres Wort“ und bei Lichte besehen nichts anderes als ein stets gefährdeter Waffenstillstand.

Schaut man in die Welt von heute, scheinen sich die düsteren Worte des Kreters zu bestätigen. Platons Athener aber widerspricht ihm: „Das Beste in der Politik“, so sagte er, „ist nicht Krieg noch Rebellion, sondern Friede und ein Geist der Freundschaft“ – eben jener Geist, der nach dem zweiten Weltkrieg das Projekt Europas auf den Weg brachte, und der ihm heute abhandengekommen zu sein scheint.

Auf den ersten Blick sind die zitierten Worte des Atheners nicht viel mehr als eine These – eine schöne These zwar, die jedoch einer Begründung harrt. Nun Platon wäre nicht ein großer Philosoph, wenn er sie nicht lieferte und darzulegen wüsste, warum Friede und der Geist der Freundschaft der Sinn des Politischen sind. Ja, er scheut sich nicht, zum Ausweis dieser These sehr weit auszuholen und Argumente aus der Ontologie, Kosmologie und Metaphysik zu bemühen, um sie auf ein belastbares Fundament zu stellen.

Diese Argumente verdienen heute noch Beachtung. Denn erfrischender Weise argumentiert Platon bei seiner Begründung des Politischen weder moralisch noch ideologisch. Auch beruft er sich nicht auf göttliche Offenbarungen, sondern er leitet sie her aus der Grundstruktur dessen, womit es jede Politik zu tun hat: dem Leben. Damit folgt er der Grundintuition des ältesten griechischen Denkens, dass man normative Gesichtspunkte für das menschliche Leben – des Einzelnen nicht anders als der Gesellschaft – nur gewinnt, wenn man im Sinne des delphischen Wortes „Erkenne dich selbst“ verstanden hat, was Leben eigentlich bedeutet. Oder anders gesagt: dass die Antwort auf die Frage nach dem guten Leben nur zu geben weiß, wer das Leben selbst verstanden hat.

Also muss man sich nicht wundern, dass Platons Athener seinen Freunden einen langen Exkurs darüber zumutet, was eigentlich Leben ist. Die Pointe, die er dabei macht, mutet nachgerade modern an: Leben ist systemisch organisiert – und es tendiert dazu, Zustände des inneren Gleichgewichts, der Balance oder Harmonie auszubilden. Übertragen auf die Sphäre des Politischen heißt das: ein Gemeinwesen entfaltet seine Lebendigkeit – die selbstverständlich immer die Lebendigkeit seiner Bürgerinnen und Bürger ist – wenn es so organisiert ist, dass jeder Einzelne sich darin frei entfalten kann, ohne dabei die Entfaltung seiner Mitbürger zu beinträchtigen; und wenn dabei ein Ganzes herauskommt, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Dafür aber brauche es den Geist des Friedens und der Freundschaft, den zu kultivieren mithin wichtigste Aufgabe des Gesetzgebers bzw. der Verfassung sei.

Gewiss ist damit ein hehres und schwer erreichbares Ziel formuliert. Aber immerhin ist damit klar, woran Maß nehmen sollte, wer sich politisch engagiert: nicht an seinen oder seiner Nation egoistischen Interessen, die im Kampf gegen andere zu behaupten wären, sondern am Leben selbst; oder besser: an der Gesundheit, Blüte, Schönheit eines guten Lebens, das sich frei entfalten kann. Diesen Sinn eines Gemeinwesens in ein Gesetzeswerk zu übersetzen, ist für Platon konsequenterweise der sicherste und verlässlichste Garant für das Gelingen eines Gemeinwesens. Und vieles spricht dafür, dass dies auch heute noch für die Union Europas zutrifft. Jedenfalls ist man versucht, so manchem derer, die inzwischen wieder nationalen Egoismen huldigen, Platons Worte zuzurufen: „Einem Gemeinwesen, worin das Gesetz geknechtet und machtlos ist, prophezeie ich den Untergang. Der Polis hingegen, in der das Gesetz der Gebieter über die Herrschenden ist und die Herrschenden Diener des Gesetzes sind, sehe ich Dauer und alle Güter zuteil werden, die die Götter je einem Gemeinwesen gewährt haben.“

Rechtsstaatlichkeit und eine Verfassung im Dienste von Frieden und Harmonie: das ist es, was ein Gemeinwesen gelingen lässt – auch das Gemeinwesen Europäische Union. Nicht, weil irgendeine Ideologie, Moral und Religion es geböten, sondern weil nur so das Leben sich entfalten und erblühen kann. Das ist es, was das heutige Europa von seinem ersten Meisterdenker lernen kann.

Irritieren mag dabei, dass Platon bei all seiner Begeisterung für den Rechtsstaat kein Freund der Demokratie war. Zu schlecht waren seine Erfahrungen mit dem demokratischen System seiner Heimatstadt Athen, als dass er die Gefahr von Demagogie und Hetze hätte ignorieren können. Als Antwort darauf votierte er dafür, einen Bildungsstaat zu etablieren: um sicherzustellen, dass der Geist der Freundschaft und der Harmonie in seinen Bürgerinnen und Bürgern (ausdrücklich beiden) walte. Dieses Plädoyer für Bildung war es, was den Wissenschaftsphilosophen Karl Popper dazu veranlasste, Platon zu bezichtigen, der „erste große politische Ideologe“ gewesen zu sein – eine Fehldeutung, die schon Ernst Cassirer zurückwies, indem er darauf bestand, in Platon den „Begründer und ersten Verteidiger des Rechtsstaates“ erkennen zu müssen.

So oder so sollte die Essenz der politischen Philosophie Platons uns heute neuerlich zu denken geben: der Gedanke, dass es einen Sinn des Politischen gibt, der mehr ist als das Verwalten eines freien Marktes und sozialer Umverteilungsmechanismen; der Gedanke, dass ein Gemeinwesen nicht der Kampfplatz rivalisierender egoistischer Agenten ist, sondern ein System gemeinschaftlichen Lebens, das auf Frieden, Harmonie und Schönheit angelegt ist; der Gedanke, dass die bunte Vielfalt von Menschen und Kulturen nicht ein irgendwie zu überwindendes Unglück ist, sondern die Chance bietet, einen reichen Strauß an kulturellen Blüten zu erzeugen. All das zu bedenken, täte unserem Europa gut. Manchmal ist das Älteste und fast Vergessene das Beste, woran wir uns halten können.

Dr. phil. Christoph Quarch (*1964 in Düsseldorf) ist Philosoph, Bestsellerautor, Publizist, Denkbegleiter und Sinnstifter für Unternehmen. Er veranstaltet Philosophiereisen in Kooperation mit ZEIT REISEN und lehrt an verschiedenen Hochschulen. Als Bestsellerautor und Herausgeber sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen; zuletzt: Platon und die Folgen (Metzler 2018), Nicht denken ist auch keine Lösung (GU 2018), Rettet das Spiel! (Hanser 2016). Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei schulpflichtigen Kindern in Fulda.

www.christophquarch.de

Als würde er auf unsere heutige Situation eingehen - Platons politische Philosophie hat uns erstaunlich viel zu sagen. In seiner universellen Vielseitigkeit birgt Platons Denken, so Christoph Quarch, ein verblüffendes Potenzial für die großen Fragen unserer Zeit. Der renommierte Philosoph und Autor hat sich intensiv mit dem großen Denker beschäftigt.

Immer wieder setzte sich Platon mit der Frage auseinander, wie das Miteinander der Menschen gelingen könnte. Seine Thesen zu Sinn und Ziel des Gemeinwesens bezieht Christoph Quarch in dem Kurzessay "Frieden und ein Geist der Freundschaft. Was das heutige Europa von Platon lernen kann" auf unsere aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Europa.

Platon als Person wie auch seinem Werk und dessen Einfluss widmet Christoph Quarch im Herbst ein ganzes Buch. In "Platon und die Folgen" (J.B. Metzler Verlag, ET September 2018) stellt er die großen Linien der Philosophie Platons vor und bezieht sie auf die ungelösten Fragen unserer Gegenwart.
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Das heilige Spiel
Christoph Quarch / Foto: BUCH CONTACT
 
Das heilige Spiel
Warum Fußball ein Geschenk des Himmels ist

Von Christoph Quarch

Abstract: Fußball sieht nicht nur aus wie Religion, Fußball ist Religion. Es ist eine kühne These, mit der sich der Philosoph Christoph Quarch („Rettet das Spiel!“) einen Reim darauf zu machen versucht, warum Fußball die Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Dem religiösen Charakter des Fußballs sei es geschuldet, dass das Spiel Menschen über alle Grenzen hinweg zu verbinden und zu harmonisieren vermag. Deshalb sei es nur recht und billig, dem Fußball in Zeiten der Weltmeisterschaft zu huldigen. „Wir haben auf der Welt zur Zeit nichts Besseres“.

Festtagstimmung liegt über dem Land. Die Menschen gehen aufrechter. Sie sind gesprächiger als sonst, ein feines Leuchten flimmert in den Augen. Und dann endlich ist es soweit. Die Fernseher sind eingeschaltet. Mancher sitzt alleine vor dem Monitor, während nebenan sich Freunde treffen und im Stadtzentrum die Masse sich zum Public Viewing sammelt. Viele haben sich dafür noch umgezogen oder ihr Gesicht geschminkt. Und nun tauchen sie mit Wonne ein ins große Spiel, surfen auf der Woge der Begeisterung, weinen, lachen, stürzen in Verzweiflung oder wiegen sich im Freudentaumel. Es ist Fußballzeit, Weltmeisterschaft – und das nicht nur in Russland oder Deutschland, sondern überall auf dieser runden Erde.

Mehr als jeder fünfte Erdenbürger sah im Sommer 2014 das WM-Finale. In einem solchen Maße war noch nie zuvor die Aufmerksamkeit der Menschen synchronisiert. Über alle Kontinente und Kulturen hinweg, aller sozialen und religiösen Gräben spottend, selbst Geschlechterdifferenzen ignorierend, ist der Fußball zum einzigen wirklich globalen Kulturphänomen der Gegenwart geworden. Selbst denen, die das Spiel nicht mögen, sollte das zu denken geben. Fußball ist die kulturelle Signatur der Weltgemeinschaft. Möglich, dass Kulturanthropologen in 200 Jahren von unserer Gegenwart als der „Zeit des Fußballs“ reden werden.

Wie ist das nur möglich? Eine Antwort sei gewagt: Fußball füllt ein Vakuum. Fußball füllt ein Vakuum, das seit dem „Tode Gottes“ (Nietzsche) diese Welt durchwirkt. Fußball ist das, was eine Menschheit, die von allen guten Geistern verlassen scheint, doch noch zu begeistern vermag. Fußball sieht nicht nur aus wie Religion (Fangesänge, Pilgerfahrten, Devotionalien…) – Fußball ist Religion.

Fußball ist keine Ersatzreligion und auch keine Pseudo-Religion. Fußball ist echte Religion; in einem strengen, ursprünglichen Sinne. Er leistet die religio – die Rückbindung – des einzelnen, endlichen Daseins ans große, umfassende Leben; oder ans Geheimnis der Welt, gleichviel. So oder so ist Fußball Religion in exakt dem Sinne, in dem schon die alten Griechen ihre großen Sportwettkämpfe in Olympia oder Nemea als Kultfeiern veranstalteten. Bei ihnen huldigten Athleten und Zuschauer dem Göttervater Zeus, der die Allpotenz des Lebens nicht nur zur Gestalt verdichtet sichtbar machte, sondern sie auch im Namen trug (zên = leben).

Feierliche Rückbindung ans Mysterium des Lebens: das ist, was beim Fußballspiel geschieht. Es erschließt dem Menschen einen Raum und eine Zeit, in der das Leben sich in seiner ganzen Schönheit zeigen darf und damit ganzheitlich erfahrbar wird. Dieser Raum, der durch die Spielfeldgrenzen und das Stadionrund bezeichnet ist, ebenso wie diese Zeit – 90 Minuten + Verlängerung – schneiden aus der Betriebsamkeit und Geschäftigkeit des alltäglichen Lebens eine Bühne, die frei von Zwängen und von Zwecken ist.

Sie gerät zu einer Bühne, wo die Spieler sich in ihrer Individualität entfalten können, auf der sie aber ebenso zu einem Kollektiv verschmolzen sind, ohne das all ihre Kunst vergebens wäre. Diese Bühne sieht Tragödien und Komödien, auf ihr wird gelitten und gejubelt, geblutet und gedacht, gesungen und geweint. Sie lässt alle Facetten des Lebens zu. Und sie entzieht sich jeglicher Berechenbarkeit. Kein Algorithmus wird je den Verlauf eines Fußballspiels errechnen können. Unberechenbarkeit und Selbstgenügsamkeit machen das Spiel zu einem heiligen Geschehen – zu einem Kult inmitten einer technisierten und von ökonomischen Imperativen gefesselten Welt.

Fußball ist im strengen Sinne Religion. Er ist Religion, so wie der große Theologe Friedrich Schleiermacher sie einst definierte: „Sinn und Geschmack für das Unendliche“. Denn unendlich ist das Potenzial der Spielzüge und Spielverläufe. Grenzenlos und unberechenbar sind die Möglichkeiten, die das Spiel zulässt. Grenzenlos und unberechenbar wie das Leben selbst – dem der Spieler deshalb mehr als jeder andere in seiner Wahrheit Rechnung trägt. Religion, so meinte Schleiermacher, heißt Darstellung des Unendlichen im Individuellen. Eben das geschieht beim Fußball. Beim aktiven Spiel genauso wie beim passiven Zuschauen. Und nur so ist zu erklären, dass dieses Spiel zum weltbeherrschenden Kulturphänomen werden konnte.

Freilich wird der Satz, Fußball ist Religion, denen verdächtig sein, die sich als Sachwalter der alten, wohlbekannten Religionen sehen. Ihnen wäre zu erwidern, was schon Schleiermacher ihnen einst ins Stammbuch schrieb: Religion hat nichts zu tun mit Dogmen und Bekenntnissen. Sie hat auch nichts zu tun mit Moral, Gehorsam und Gebot. Nein, sie genügt sich darin, „in kindlicher Einfalt“ dem großen Spiel des Lebens beizuwohnen. Sie gebiert aus sich heraus ihre Mythen und ihr Ethos. Einfach nur, indem sie Menschen ahnen lässt, dass auch in ihrer eigenen Seele jener große Geist des Lebens schlummert, den das Spiel so zauberhaft bezeugt.

Doch es liegt im Wesen einer jeder Religion, dass sie – ohne es zu wollen – all das Lebensfeindliche und Dunkle an sich zieht oder ans Licht bringt. Immer schon griffen die Mächtigen nach ihr. Was einst die Kaiser oder Könige, das sind heute Oligarchen oder Scheichs. Sie wollen sich der Magie des Spiels bemächtigen; doch die religiöse Kraft des Fußballs zeigt sich gerade darin, dass es ihnen zwar gelungen ist, den Spielbetrieb zu einem Marktgeschehen umzuwandeln, doch dem Spiel als solchen konnten sie – bisher – nicht seine Unschuld und den Zauber nehmen. Auch dass ein korrupter Klerus sich des Heiligen bemächtigt, ist nicht neu; auch nicht, dass sich haufenweise Glücksritter und Desperados finden, die als Kreuzritter bzw. Hooligans das Spiel gebrauchen, um sich auszutoben.

Aber all das darf man einer Religion genauso wenig wie dem Fußball als Vergehen oder Makel ankreiden. Ganz im Gegenteil: Sie zeigen ihre Kraft darin, das Lebensfeindliche zu binden und an ihre Spielwelt anzuheften, da es – manchmal wenigstens – auf diese Weise domestiziert oder entschärft werden kann. Die Kraft des Spiels war bislang stark genug, die dunklen Kräfte abzufedern, die es anzieht und ans Licht bringt.

Aber nicht nur das. Das Fußballspiel – wie jede echte Religion – besitzt sogar die Kraft zur Heilung: nicht des Individuums, wohl aber der großen, kollektiven Pandemien, von denen die Gesellschaft derzeit heimgesucht wird. Als erstes wäre hier die jüngst von Manfred Spitzer als Epidemie diagnostizierte Einsamkeit zu nennen. Kein Zweifel: Fußball verbindet – die Spielenden sowieso (auch da übrigens, wo sie Gegner sind), aber ebenso die Zuschauer (auch da übrigens, wo sie Gegner sind). Fußballfans sind nirgends auf der Welt allein. Weder in Las Vegas noch in Tibet. Fußball knüpft ein Netz globaler Zugehörigkeit. Das sollte nicht unterschätzen, wer zu den Verächtern dieses Spiels gehört.

Fußball ist zudem ein Hort der Leiblichkeit. Das ist viel in einer Zeit, in der sich menschliche Präsenz zunehmend digital und virtuell verflüchtigt. Die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz spotten des Leibes als einer minderwertigen Trägersubstanz von Rationalität und Information – die im gleichen Atemzug als Garanten menschlicher Würde und Identität ausgegeben werden. Fußball jedoch wird man nie von einem Leib abstrahieren können – selbst wenn Computerspiele das leibliche Geschehen virtuos simulieren. Denn dass ein Spieler Kopf und Kragen riskiert, dass er seine Knochen hinhält, dass seine Nerven versagen: all das macht das Spiel zum Spiel. Und all das gibt den Spielern Würde, all das macht sie groß und schön; wie die Helden eines Epos oder einer Tragödie.

Eines noch, was nicht verschwiegen werden soll. Auch einem dritten, bedenklichen Trend der Gegenwart bietet der Fußball mit seiner religiösen Kraft Paroli: der Gentrifizierung. Weil er das Leben in seiner fragilen, gefährdeten und tragischen Leiblichkeit feiert, bekundet er es auch in seiner unhintergehbaren Geschlechtlichkeit. Beim Fußball – und man ist geneigt zu fragen: wo denn sonst noch? – dürfen Männer Männer sein. Und weil Männer dort Männer sein dürfen, können Frauen dort auch Frauen sein; ähnlich wie auf dem Oktoberfest, allen Ideologien und Konventionen zum Trotz; ja, sogar vielen der althergebrachten Religionen zum Trotz.

Vielleicht ist es ja – wenn dies zu denken erlaubt ist – ein wirklicher Fortschritt der Menschheit: dass sie fast unbemerkt eine Weltreligion empfing, die sich als stark genug erwiesen hat, die Menschen dieser Erde irgendwie zu verbinden, zu begeistern und auf sonderbare Weise an genau das rückzubinden, was die alten Religionen Gott nannten und worüber sie furchtbar gestritten haben. Fußball hingegen stiftet Frieden – gerade in einer Zeit neuen Kriegsgeschreis.

Vielleicht ist Fußball ein Geschenk des Himmels – und vielleicht geziemt es sich, darüber nicht länger zu reden, sondern es in seiner heiligen und unbedarften Unschuld schlummern zu lassen. Legen wir das Juwel zurück in sein Futteral, hegen und pflegen wir es im Stillen. Und seien wir ihm innig dankbar. Wir haben auf der Welt zur Zeit nichts Besseres.


Dr. phil. Christoph Quarch ist Philosoph, Autor und Berater. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit „ZEIT-Reisen“.
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Kanarienvogel im Bergwerk der Demokratie
Lars Jaeger / Foto: BUCH CONTACT
 
Kanarienvogel im Bergwerk der Demokratie
Der Status der Wissenschaft in Russland, der Türkei, Ungarn und Polen

Von Lars Jaeger

Kanarienvögel hatten im Bergbau früher eine wichtige Funktion. Trat unter Tage das gefährliche, aber geruchslose Kohlenmonoxid aus, so war es ein Kanarienvogel, der davon am schnellsten betroffen war. Bereits bei einer Konzentration von 0,3% und nach einer Zeit von ca. zweieinhalb Minuten fällt dieser tot von der Stange. Die Bergleute waren gewarnt und hatten noch ausreichend Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Die Wissenschaften lassen sich als Kanarienvögel der Demokratie ansehen. Wo Wissenschaft verachtet oder ignoriert wird, ihre Protagonisten unter schlechten Bedingungen leiden, in ihrer Arbeit eingeschränkt oder gar persönlich verfolgt werden, wo politische Führer Wahrheiten ausgeben, die jenseits wissenschaftlicher Überprüfung stehen sollen, dort gilt: Die offene Gesellschaft mitsamt ihren sozialen, humanistischen und ökonomischen Errungenschaften ist in akuter Gefahr. Besonders gerne nehmen autoritäre Machthaber Wissenschaftler ins Visier, denn wie schon Albert Einstein wusste: „Nichts in der Welt wird so gefürchtet wie der Einfluss von Menschen, die geistig unabhängig sind“. So wie sich die Wissenschaftler qua ihres beruflichen Ethos von vorgegebenen absoluten Wahrheitsansprüchen frei erklären müssen, so gilt das in einer offenen Gesellschaft auch für die Macht- und Entscheidungslegitimation ihres politischen Führungspersonals. Denn wie die wissenschaftliche Forschung befinden sich auch politische Entscheidungsprozesse in einem permanenten Reparaturmodus, in welchem sich die Protagonisten immer wieder hinterfragen und rechtfertigen müssen. In beiden führt der Weg echten Fortschritts stets über die permanente Korrektur falscher Entscheidungen bzw. Theorien. Nicht ganz ohne Ironie war es genau dieses stetige Sich-Herumschlagen mit Unvollkommenheiten, das letzthin die beispiellose Wissensvermehrung hervorgebracht hat, welche die moderne Fortschrittsdynamik definiert und ihrerseits zu einer vorher nie gekannten gesellschaftlichen Wachstums- und Wohlstandsentwicklung und immer besseren Lebensbedingungen geführt hat. All das passt mit autokratischen und repressiven gesellschaftlichen Herrschaftsformen nicht zusammen.

So sind es dann auch (neben den Künstlern) die Wissenschaftler, die einem Ort, wo Meinungs- oder Pressefreiheiten, Bürger- oder Wahlrechte, der freie Fluss der Ideen und die Kreativität beschnitten werden, als erste den Rücken kehren. Besonders deutlich ließ sich dies im nationalsozialistischen Deutschland beobachten. Deutsche Universitäten verloren in den 1930er Jahren fast ein Drittel ihres Lehrkörpers, darunter Nobelpreisträger wie Albert Einstein, den Physiker Gustav Hertz oder den Chemiker Fritz Haber. Göttingen war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts das Weltzentrum der Mathematik gewesen. Gerade einmal zwei Jahre brauchten die Nazis, um diesen Status komplett zu zerstören. Die Emigrationswelle deutscher Wissenschaftler ab 1933 ließ die deutschen Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen ihre akademische Vormachtstellung in der Welt unwiederbringlich verlieren.

Umso beängstigender ist es, wenn der Chef der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Sergejew, die heutige Lage der Wissenschaft in seinem Land als „Tal des Todes“ beschreibt. Anfang der 90er-Jahre gab es noch fast dreimal so viele Wissenschaftler in Russland wie heute. Unterdessen summiert sich die Zahl der hochqualifizierten Auswanderer aus dem Land auf 44’000 pro Jahr. Vor allem in den letzten Jahren, seit der Annexion der Krim und den immer weitergehenden Repressionen des Putin-Regimes gegen politisch Andersdenkende, wanderten mehr und mehr Wissenschaftler, und mit ihnen viele der gescheitesten jungen russischen Geister, in den Westen ab, können sie doch zu Hause nicht das umsetzen, was sie in ihren Köpfen haben. Und dass russischstämmige Physiker im Ausland Erfolge haben können, zeigten u.a. Andrej Geim und Konstantin Nowosjelow von der Universität Manchester, die im Jahre 2010 den Physik-Nobelpreis für die Erforschung des Nanomaterials Graphen erhielten. Auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr nach Russland vorstellen könne, antwortete Geim sarkastisch: „Erst nach meiner Wiedergeburt.“

Auch der türkische Kanarienvogel ist längst von der Stange gefallen. Seit dem Sommer 2016 und dem angeblichen Putsch der Bewegung des islamischen Prediger Fethullah Gülen sind dort Tausende Professoren und Dozenten suspendiert, Hochschulen geschlossen, Dekane abgesetzt und Wissenschaftlern die Reiseerlaubnis entzogen und auf vielfältige andere Art und Weise in ihre Arbeit behindert worden. Kurz: Seit fast zwei Jahren erleben wir eine massive Einschränkung akademischer Freiheiten in der Türkei. Die türkische Regierung inszeniert eine Verhaftungswelle nach der anderen, auch unter Wissenschaftlern. Ihnen wird Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen, konkret eine Anhängerschaft Gülens. Die Mechanismen der Legitimation von Repressionen haben sich seit dem Reichstagsbrand von 1933 kaum verändert.

Zwei weitere Einsatzgebiete für Kanarienvögel sind Ungarn und Polen. In Ungarn haben viele Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle das Land bereits verlassen, weitere dürften folgen. Victor Orbans Kampf gegen die Central European University in Budapest ist nur ein Beispiel für die repressive Politik seiner Regierung gegen unabhängige Wissenschaften und akademische Ausbildungsstätten. Diesem unsäglichen Pfad folgt unterdessen leider auch Polen. Das jüngste Beispiel der Beschränkung der freien akademischen Meinungsäußerung im Geburtsland Nikolaus Kopernikus, die insbesondere die Geschichts- und Sozialwissenschaft betrifft, ist das neue Holocaustgesetz, das für jeden, der Polen als Nation für Verbrechen im Zweiten Weltkrieg beschuldigt, neben deftigen Geldstrafen auch Haftstrafen von bis zu drei Jahren vorsieht. Viele Forscher glauben, dass dieses Gesetz eine einschüchternde Wirkung auf Lehre, Forschung und Medien in Polen haben wird.

Akademische Freiheit und Kreativität waren immer Tragpfeiler und Entwicklungsträger offener und nachhaltig prosperierender Gesellschaften. Und auch das Umgekehrte gilt: Die erfolgreichste wissenschaftliche Forschung findet in offenen Gesellschaften statt. Die Anzahl der Nobelpreise für wissenschaftliche Arbeiten aus Ländern wie dem heutigen Russland, der Türkei, Ungarn oder Polen (oder auch China) lassen sich mit weniger als einer Hand abzählen (auch wenn es einige Preisträger gibt, die in einem dieser Ländern geboren wurden). Unabhängige Forschung, angstfreies Lehren und Lernen, der offene Dialog und der freie Fluss der Ideen dienen aber nicht nur der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern der gesamt-gesellschaftlichen Entwicklung und dem allgemeinen Wohlstand. Russland, die Türkei, Ungarn, Polen sind allesamt auf dem Wege, bittere vergangene Erfahrungen zu wiederholen. So bleibt nur zu hoffen, dass sich Putin, Erdogan, Orban und Kaczynski an die historische Lektionen erinnern. Falls sie ihre momentane Politik der Beschränkung, Einschüchterung, Drangsalierung oder gar Verhaftungen von Wissenschaftlern (und anderen Intellektuellen) fortführen, kommen nicht nur auf die russische, türkische, ungarische und polnische Wissenschaft, sondern auch auf die Länder als Ganzes, ihre Wirtschaft, ihr Wohlstand und all ihre Menschen schwere und leidvolle Jahre und Jahrzehnte zu. Und wenn den Westen eine solche Entwicklung kalt lässt – oder er sie wie im Fall der Trump-Administration sogar noch fördert, so könnte sich seine Zukunft als nicht weniger düster erweisen.

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Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er – als umtriebiger Querdenker – zwei eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Seine letzten Bücher „Die Naturwissenschaften. Eine Biographie“ (2015) und „Wissenschaft und Spiritualität“ (2016) sind bei Springer Spektrum erschienen. Im August 2017 erschien sein neustes Buch „Supermacht Wissenschaft“ beim Gütersloher Verlagshaus.
 
 

 
Stressfrei entscheiden: Achten Sie auf die Impulse Ihres Inneren
Von Christoph Quarch

Entscheiden müssen wir uns permanent. Doch nicht immer fällt uns das Entscheiden leicht. Dann hilft es, sich darüber aufzuklären, was beim Entscheiden genau geschieht, und wer in uns entscheidend ist, meint der Philosoph Dr. Christoph Quarch.

Es war einmal ein Esel, der hatte großen Hunger. Da traf es sich dem Anschein nach recht gut, dass sich zu seiner Linken ein großer Heuhaufen befand. Allein, im gleichen Abstand war ein zweiter Haufen, dessen Heu genauso frisch und lecker duftete. „Wer die Wahl hat, hat die Qual“, bemerkte da der arme Esel, und weil er sich partout nicht denken konnte, welcher Heuhaufen der schmackhaftere sei … bekam er keinen Huf von der Stelle und verreckte jämmerlich in der Mitte zwischen beiden.

Diese Anekdote verdanken wir dem Philosophen Johannes Buridan (1295–1363), der mit ihrer Hilfe zu bedenken geben wollte, wie wichtig es für die Entscheidungsfindung ist, mit Hilfe des rationalen Denkens zu ermessen, welche Option sich als die bessere und folglich tunliche erweisen könne. Hunger oder Appetit allein, so Buridan, sind als Entscheidungshelfer unzureichend. Deshalb ließ er seinen armen Esel sterben.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass auch wir mit Rationalität gesegneten Menschen uns oft mit Entscheidungen schwertun: dass uns zuweilen auch der schärfste Sachverstand nicht hilft, wenn wir Entscheidungen zu treffen haben. Und dann leiden wir und quälen uns nicht anders als Buridans Esel; dann machen wir uns Stress und suchen verzweifelt nach einem Entscheidungshelfer, der uns von jenem unangenehmen Zustand des Unentschieden-Seins befreit. Was dann?

Wer dem Geheimnis des Entscheidens auf die Schliche kommen möchte, ist nicht schlecht beraten, auf die Sprache zu achten. Denn sie verrät, worauf es beim Entscheiden ankommt (und warum es für uns so wichtig ist, entschieden zu sein): Es geht darum, einen Zustand der inneren Geschiedenheit zu überwinden. Wer sich nicht entscheiden kann, ist uneins mit sich selbst. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust: Er ist mit sich nicht länger eins und ringt darum, mit sich wieder ins Reine zu kommen. Und also muss er sich ent-scheiden.
Was tut er dann? Er versucht, eine Entscheidung zu treffen oder auch zu fällen. Erneut verrät die Sprache etwas Wesentliches: Das Verb „fällen“ verwenden wir sonst nur im Zusammenhang mit Bäumen. Man fällt einen Baum, der schon da ist, den man aber fällen muss, um ihn sich anzueignen. Genauso ist es mit Entscheidungen: Sie sind schon da – und die Kunst besteht nur darin, sie zu finden bzw. zu treffen, um ihrer habhaft zu werden. „Treffen“ ist das geläufigste Verb im Zusammenhang von Entscheidungen. Man trifft sie so wie man einen Freund trifft: manchmal zufällig, aber meistens so, dass man sich aufmacht, um ihm zu begegnen. Dann trifft man ihn, aber „macht“ ihn nicht. Ebensowenig kann man Entscheidungen machen. „Decision making“ ist ein irreführendes Idiom.

Halten wir fest: Entscheidungen muss man treffen, und zwar immer dann, wenn man mit sich uneins ist bzw. wenn die Stimmen im Inneren konkurrieren. Nur: Wie trifft man sie – und vor allem: wie trifft man die richtigen Entscheidungen?

Zunächst sollte man ermitteln, um was für Stimmen es sich handelt. Häufig schwelen in uns Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen: schnell ans Ziel kommen oder die schönere Strecke nehmen? Oder zwei Werte kollidieren: möglichst kostengünstig einkaufen oder möglichst umweltschonend? Hat man sich darüber aufgeklärt, was da konkurriert, kann man sich die – entscheidende – Folgefrage vorlegen: Wer ist der Urheber dieser Stimmen? Wo genau verläuft in uns die Scheidung, die zu überwinden wäre?

Diese Frage rührt an unser Menschenbild. Sie nötigt uns zu einer Reflexion darauf, wer wir eigentlich sind. Eine traditionelle Antwort lautet: Wir sind komplexe Wesen, die unterschiedliche Dimensionen an sich aufweisen: Wir sind Leib, wir sind Ich, wir sind Seele, wir sind Geist. Wenngleich diese Begriffe schwer beladen sind, können wir sie hier zu Rate ziehen. Denn der innere Konflikt, der uns Entscheidungen erschwert, kann sich zwischen den Bedürfnissen unseres Leibes (Hunger, Schlaf) und den Interessen unseres Ichs (Abnehmen, Party machen) zutragen; er kann sich aber genauso zwischen den Interessen des Ichs (Karriere machen) und der Dynamik unserer Seele (Familie gründen) abspielen – wobei Konflikte zwischen Ich und Seele am schwersten aufzulösen sind, weil sich die Dynamik der Seele – oder des Selbst – oft im Unterbewussten, im Bereich der Emotionen oder auch Intuitionen abspielt, während unser Ich seine Interessen und Wünsche oft klar benennen und rational verfolgen kann.

Diese Art von Konflikten sind die gravierendsten. Sie verursachen am meisten Stress, weil sie nicht durch rationale Operationen, Kalküle oder gar Berechnungen aufgelöst werden können. Kein Algorithmus der KI reicht in die Tiefen einer Seele. Deshalb bleibt uns nichts anderes, als uns in Achtsamkeit und Wachsamkeit für die Impulse zu üben, die aus der Seele in uns aufsteigen: Intuitionen, Bauchgefühl, körperliche Reaktionen. Sie sind bei den großen Fragen stets die besten Entscheidungshelfer, denn das Leben lehrt, dass Ihre Seele längst entschieden hat und Sie in ihr Ihre Entscheidungen treffen. Also lauschen Sie auf die Impulse Ihrer Seele, und verzetteln sich nicht in umständlichen Kalkülen.

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Dr. phil. Christoph Quarch ist Philosoph, Autor und Berater. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit „ZEIT-Reisen“. In seinem aktuellen philosophischen Entscheidungshelfer „Nicht denken ist auch keine Lösung“ (GU) identifiziert er unterhaltsam, informativ und praktisch die Faktoren, die bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen und zeigt Wege, wie wir diese Faktoren gewichten und berücksichtigten können.
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Dr. Albert T. Lieberg zum Weltsozialforum 2018 – Ein Résumé
Dr. Albert T. Lieberg © 2018 Büchner Verlag
 
Dr. Albert T. Lieberg zum Weltsozialforum 2018 – Ein Résumé
Was seine potentielle Bedeutung als politischer Akteur angeht, blockiert sich das Weltsozialforum seit Beginn seiner Existenz selbst, weil es auf seinen anfänglichen Prinzipien beharrt und keinerlei Führungs- und Repräsentationsstrukturen zulässt. Sicherlich ist dies auch begründbar mit der nicht unberechtigten Angst, zum Spielball von Interessensgruppen zu werden. Doch es gibt keine Politik ohne Risiko, es gibt keine Rückversicherung in der demokratischen Evolution. Die drastischen Kennzeichen unserer heutigen Welt sind alarmierender denn je. Eskalierender Konsumwahn, Stress, Verdummung, Nationalismen, Populismus und Radikalisierung, Umweltzerstörung, Kriege und sich verschärfende Militarisierung, Gewalt, klaffende Armutsscheren, Ungerechtigkeit, Migration, Ausgrenzung, Vereinsamung sind nur einige Aspekte unserer globalen Wirklichkeit. Was fundamental nötig ist - auch unabhängig vom Weltsozialforum - heute mehr denn je zuvor, ist eine starke internationale politische Plattform zu kreieren, die progressive, tiefgreifende politische Reformen ausarbeitet, diese öffentlich vermittelt und durch einen in Gang zu setzenden Prozess der Öffentlichkeitsarbeit die Realpolitik in den Staaten unserer Welt mit beeinflusst. Doch es fehlt eine solch fassbare Instanz als Orientierung, als Ansprechpartner. Es fehlt eine entsprechende Struktur.


Das Weltsozialforum 2018 – Nur internationales Happening oder doch noch Katalysator eines globalen Systemwechsel ?

Die Geschichte des Weltsozialforums (WSF) begann 2001 in Porto Alegre/Brasilien. Seit 2009 findet es im Zwei-Jahres-Takt statt - zuletzt machte es Station in Dakar/Senegal, Tunis/Tunesien und Montreal/Canada. Dieses Jahr kehrte das WSF (13.-17. März 2018) nun zum insgesamt siebten Mal zu seiner Geburtsstätte nach Brasilien zurück, genauer: nach Salvador da Bahia. Das Weltsozialforum wurde seinerzeit als eine Art Gegenveranstaltung vor allem zum Davoser Weltwirtschaftsforum konzipiert, bei dem sich im Schweizer Edelresort jährlich die Eliten der Weltwirtschaft und Weltpolitik ein Stelldichein geben, um über die Zukunft unseres Planeten zu beraten. Das WSF hingegen ist das größte Treffen der Zivilgesellschaft weltweit, um Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu diskutieren. In jeder seiner Ausgaben führt es tausende von TeilnehmerInnen zu mehreren hunderten Aktivitäten (Workshops, Konferenzen, Dialoge usw.) unter verschiedenen Themenbereichen (u.a. Menschenrechte, Demokratisierung, globale Gerechtigkeit und Weltfrieden, soziale und wirtschaftliche Entwicklung, Feminismus, Armut und Gewalt, Umwelt und Klimawandel, Diskriminierung und Ausgrenzung) zusammen. Das WSF ist eine pluralistische, nicht konfessionelle, nichtstaatliche und nichtparteienbezogene Institution, die dezentral Organisationen und Bewegungen zusammenbringt, welche durch Aktivismus auf lokaler, regionaler wie internationaler Ebene dazu beitragen wollen, eine gerechtere und friedlichere Welt mitaufzubauen, jenseits der globalisierten Doktrin unserer materialistischen Wettbewerbs- und Konsumgesellschaft.

Mit den weltweiten Treffen wird unter anderem aber auch beabsichtigt, Alternativen zum vorherrschenden Denkmodell des globalen Neoliberalismus aufzuzeigen und weiterzuentwickeln. Doch weder konzeptionell noch strategisch ist das WSF dafür geschaffen, konkrete Maßnahmen zu beschließen oder gar Resolutionen zu verabschieden, sondern sieht sich zu allererst als Gelegenheit zur Vernetzung und des Austausches seiner (oft mehrheitlich lokalen) Akteure - so auch dieses Mal. Beim WSF 2018 handelte es sich somit auch mehr um ein brasilianisches, denn um ein Weltsozialforum, kamen doch über 90 Prozent der Teilnehmer aus dem eigenen Land und die dominierende Anzahl der Veranstaltungen befassten sich mit Thematiken der brasilianischen Aktualität (wie etwa die anhaltende Staatskrise nach der Absetzung der ehemaligen Präsidentin Dilma Rousseff, die Militarisierung von Rio de Janeiro, die Angst um die Aushöhlung der Demokratie) - Veranstaltungen zu globalen Themen waren kaum wahrnehmbar. Und genau dies ist aus meiner und aus der Sicht einiger langjähriger Beobachter und Aktivisten eines der großen Probleme der Institution, die sich Weltsozialforum nennt. Denn das geringe Vorhandensein von Events zu stringent globalen Thematiken trägt dazu bei, dass das WSF de facto keine wirklich weltpolitische Bedeutung generiert. Sicher, für die teilnehmenden Gruppen und Bewegungen ist es ein wichtiger Moment der Aufmerksamkeit, der Solidarität und vor allem ein unbestreitbarer Motivationsschub. Doch das WSF ist, realistisch betrachtet, immer nur alle zwei Jahre für die kurze Dauer der vier Tage seiner Ausrichtung existent und verschwindet dann wieder im fassungslosen Nichts.

Das WSF hat gewollt keine wirkliche Struktur noch Organisation. Es ist insgesamt horizontal partizipativ konzipiert, ohne Entscheidungsgremium oder formellen Vertretern. Neben einem machtlosen Sekretariat in Marokko, gibt es den Internationalen Rat (International Council), in dem über 150 Organisationen und Bewegungen in einem losen Netzwerk vertreten sind. Dieser Rat trifft sich sporadisch ein- bis zweimal im Jahr, kann aber keine wirklich strategischen Entscheidungen treffen, außer über den nächsten Austragungsort und eine eventuelle grobe Themensetzung. Aus meinen Gesprächen und Beobachtungen ergab sich zudem, dass der International Council offensichtlich tief in verschiedene Lager gespalten ist: eines, das die Horizontalität und Strukturlosigkeit dogmatisch verteidigt, ein anderes, welches sich für die Schaffung einer gewissen Minimalstruktur, für eine gewisse Konturengebung des Weltsozialforums nach Außen einsetzt und ein weiteres, das durch Orientierungs- und Tatenlosigkeit der eigenen Betrachtung frönt.

Was seine potentielle Bedeutung als politischer Akteur angeht, blockiert sich daher das Weltsozialforum seit Beginn seiner Existenz selbst, weil es auf seinen anfänglichen Prinzipien beharrt und keinerlei Führungs- und Repräsentationsstrukturen zulässt. Sicherlich ist dies auch begründbar mit der nicht unberechtigten Angst, zum Spielball von Interessensgruppen zu werden. Doch es gibt keine Politik ohne Risiko, es gibt keine Rückversicherung in der demokratischen Evolution. Die drastischen Kennzeichen unserer heutigen Welt sind alarmierender denn je. Eskalierender Konsumwahn, Stress, Verdummung, Nationalismen, Populismus und Radikalisierung, Umweltzerstörung, Kriege und sich verschärfende Militarisierung, Gewalt, klaffende Armutsscheren, Ungerechtigkeit, Migration, Ausgrenzung, Vereinsamung sind nur einige Aspekte unserer globalen Wirklichkeit. Was fundamental nötig ist - auch unabhängig vom Weltsozialforum - heute mehr denn je zuvor, ist eine starke internationale politische Plattform zu kreieren, die progressive, tiefgreifende politische Reformen ausarbeitet, diese öffentlich vermitteln kann und durch einen in Gang zu setzenden Prozess der Öffentlichkeitsarbeit die Realpolitik in den Staaten unserer Welt mit beeinflusst. Doch es fehlt eine solch fassbare Instanz als Orientierung, als Ansprechpartner, es fehlt eine entsprechende Struktur.

Die sogenannten progressiven oder als links bezeichneten politischen Parteien sind quasi weltweit allesamt gescheitert. Sie sind im Auflösungsprozess, haben ihre Glaubwürdigkeit verloren oder üben sich frenetisch im sozial- und umweltpolitischen Abdämpfen der entsprechenden Konsequenzen eines globalisierten materialistischen Kapitalismus. Und dies, weil sie entweder nicht willens oder nicht fähig sind die grundsätzlichen Problematiken und Irrwege unserer gesellschaftlichen Entwicklung zu erkennen, in Frage zu stellen und in konkrete, konsequente Reformpolitiken zu übersetzen. Zu diesen Fehlentwicklungen, die heute grundsätzlich als unabänderlich angesehen werden, die aber tabulos angegangen werden müssen, gehören unter anderem die folgenden Grundpfeiler unserer globalen Gesellschaft:

 Das wirtschaftliche Wachstum sowie insbesondere die Profitmaximierung sind die wichtigsten Orientierungsparameter aller nationaler und globaler Wirtschaftsprozesse und, aufgrund der Notwendigkeit der Schaffung von Geldeinkommen, damit auch des menschlichen Handelns.

 Eine Wettbewerbsgesellschaft, in der einzelne Menschen und Unternehmen/Gruppen wettstreiten, um sich gegen andere durchsetzen zu müssen.

 Die implizite Gleichstellung von finanziellem Erfolg mit sozialer Akzeptanz.

 Mit Ausnahme von Sonnenlicht und Atemluft, und bis zu einem gewissen Grade Liebe/Zuneigung, sind alle Bereiche und Dinge des Lebens zu monetär bewerteten und damit gehandelten oder handelbaren Waren konvertiert und können zu Privatbesitz werden.

 Die Motivation zur persönlichen Leistung wird primär durch das In-Aussichtstellen eines (hohen) finanziellen Einkommens und des damit verbundenen gesellschaftlichen Ansehens bestimmt.

 Die sich beschleunigende Angleichung von wirtschaftlicher Macht und politischem beziehungsweise gesellschaftlichem Einfluss (u.a. Informationsmedien, Digitalisierung, transnationale Konzerne).

 Geo-strategische und staatspolitische Entscheidungen richten sich primär nach wirtschaftlichen Interessen.

Es sind komplexe Zusammenhänge, die wir als dominante und möglicherweise potentiell intelligenteste Spezies auf diesem Planeten anzugehen haben, jedoch müssen wir uns dafür vor allem von verzerrten Vorstellungen eines angeblich unabänderlichen Verhaltenscodex des Menschen emanzipieren. Um die Fehlentwicklungen und Missstände unserer Evolution auf Dauer überwinden zu können, brauchen wir einen tiefgreifenden, vielleicht sogar radikalen Systemwechsel. Auf einer eigenen Veranstaltung des Weltsozialforums zur Notwendigkeit und zu den Inhalten eines möglichen (politischen) Systemwechsels habe ich entsprechend auf diese Zusammenhänge hingewiesen.

Das von mir beim WSF vorgebrachte konkrete Modell der Gesamtgesellschaftlichen Modernen stellt sich der Herausforderung und folgerichtig der notwendigen Erarbeitung einer konkreten Gesellschaftsoption. Wir müssen über die zwar richtige, aber sich nur wiederholende, schon bekannte Materialismus- und Kapitalismuskritik endlich hinauswachsen. Auch dürfen wir uns nicht in der Betrachtung isolierter oder lokaler Reformansätze verlieren, sondern endlich tabulos die Formulierung eines ganzheitlichen politischen Ansatzes wagen. In diesem Zusammenhang ist eine grundsätzliche Entideologisierung der politischen Debatte historisch unabdingbar und damit zeitgemäß, auch um das Groh der Bevölkerung wieder demokratisch an ihrer eigenen Entwicklung teilhaben zu lassen. Das Ausdifferenzieren in Links und Rechts muss aufgehoben werden, muss dem gedanklich unvoreingenommen gemeinsamen Erarbeiten ganzheitlicher Lösungen für die Zukunft unserer Weltgesellschaft Platz machen. Wir müssen uns konzentrieren auf die natürlichen Bedürfnisse unserer Spezies und unserer natürlichen Umwelt, von der wir abhängen. Eine emanzipierte, moderne und intelligente Gesellschaft muss sich befreien können vom künstlich geschaffenen Diktat des Geldes, vom materiellen Konsumzwang, vom individualistischen Streben nach Besitzakkumulation und einem Sozialprestige definiert als Überlegenheitsanspruch, vom sozial-psychologischen Zerstörungspotenzial des allgegenwärtigen Wettbewerbs als angeblich alternativloses Allerheilsmittel. Dafür ist es unter anderem notwendig, dass wir unsere eigenen Erziehungsinhalte und Verfassungen neu formulieren, jeder Macht- und Kapitalakkumulation die Grundlage entziehen, und ein universales Gemeingut schaffen, welches vom Geldwert entkoppelt ist, und damit weltweit die Basis schafft für eine friedliche Koexistenz und einen akzeptablen Lebensstandard.

Weite Teile der Weltbevölkerung sehnen sich nach Vorschlägen für fundamentale Veränderungen in unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Doch nur wenn sich all die unterschiedlichen Akteure, die Menschen mit einer solidarischen und nichtmaterialistischen Weltsicht bündeln und eine breite gesellschaftspolitische Kraft bilden, wird es eine Möglichkeit geben die Wirtschafts- und Sozialsysteme weltweit und nachhaltig zu verändern und damit eine global erneuerte, moderne und gerechte Gesellschaft auf dem Planeten Erde zu entwickeln. Sowohl in meinen Gesprächen mit wichtigen Alphatieren des Internationalen Rates wie auch während einer zentralen Veranstaltung zur Zukunft des Weltsozialforums, habe ich diese Notwendigkeit angesprochen und für ein entsprechendes Handeln plädiert

Es wird sich möglicherweise schon in absehbarer Zeit herausstellen, ob das Weltsozialforum in der Lage oder willens sein wird, sich von einem internationalen Happening der Solidarität doch noch zu einem tatsächlichen Katalysator eines globalen Systemwechsels zu entwickeln - wie es seit seines Bestehens von den Teilnehmern und Unterstützern des Forums immer wieder gefordert wurde und wird. Oder ob es schließlich, wie viele langjährige Beobachter befürchten, an seiner eigenen Prinzipientreue verkümmert. Die existentielle Notwendigkeit eines gemeinschaftlich getragenen Systemwechsels bliebe hiervon jedoch unberührt.

Dr. Albert T. Lieberg (22. März 2018)

Das Buch "Der Systemwechsel - Utopie oder existentielle Notwendigkeit?" ist im Büchner-Verlag, Marburg, erschienen, hat 144 Seiten und kostet als Klappenbroschur EUR 17,00 (D) - ISBN 978-3-96317-105-5 und als ePDF EUR 14,00 (D) - ISBN 978-3-96317-606-7
 
 

 
Stephen Hawking – Zum Tod eines wissenschaftlichen Popstars
Von Lars Jaeger

Die Physiker-Zunft trauert um Stephen Hawking, einer ihrer größten Geister. Ein Leben, welches inmitten der tiefsten Krise des 20. Jahrhunderts seinen Anfang nahm und an intellektuellen Höhen und körperlichem Leiden wohl kaum zu übertreffen ist, hat sein Ende gefunden. Stephen Hawking war der Popstar der gegenwärtigen Physik. In dieser Rolle trat er in die Fußstapfen der beiden größten wissenschaftlichen Popstars der Geschichte, Albert Einstein und Isaac Newton. Spätestens mit der Veröffentlichung seines populärwissenschaftlichen Buchs Eine kurze Geschichte der Zeit im Jahr 1988 wurde er zum berühmtesten Wissenschaftler unserer Zeit, dem zuletzt sogar die Ehre zweier Filme zuteilwurde. Sein Buch verkaufte sich mehr als 10 Millionen Mal und ist bis heute eines der meistverkauften populärwissenschaftlichen Bücher überhaupt. Zuweilen wird es auch als das „populärste ungelesene Buch“ überhaupt bezeichnet („the most popular book never read“).

Hawkings wissenschaftlichen Leistungen bauten stark auf die Theorien Albert Einsteins auf. Es war die wohl dramatischste Vorhersage der Allgemeinen Relativitätstheorie, die es Hawking seit den frühen Jahren seiner wissenschaftlichen Karriere angetan hatte: Schwarze Löcher. Bereits kurz nachdem Albert Einstein im November 1915 die Grundgleichungen seiner neuen Gravitationstheorie formuliert hatte, hatten die Physiker begriffen, dass aus seiner neuen Theorie eine recht dramatische Konsequenz folgte. Betrachtet man die Lösung der Einstein-Gleichungen für das Gravitationsfeld einer punktförmigen Masse, so ist die Gravitationskraft bzw. die Krümmung der Raum-Zeit in unmittelbarer Nähe dieser Masse derartig groß, dass selbst Licht nicht mehr entweichen kann. Die Raum-Zeit in diesem Punkt besitzt das, was Physiker eine „Singularität“ nennen. Das bedeutet nichts anderes, als dass an dieser Stelle Raum und Zeit zu existieren aufhören. Allerdings ist die notwendige Materiedichte eines derartigen Gebildes so groß (sie entspricht der Masse der Erde in einer Kugel mit einem Radius von 9 mm), dass Einstein und seine Kollegen mit einer solchen Lösung nichts anzufangen wussten. Der Begriff „Schwarzes Loch“ für ein solches Gebilde kam daher erst ca. 50 Jahre später auf.

Der junge Stephan Hawking gehörte zu einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die sich ab Mitte der 1960er Jahre den Eigenschaften und Details dieser exotischen Lösungen der Einstein-Gleichungen mit neuem Elan zuwandten. Ende der 1960er Jahre konnte er zusammen mit seinem Mentor und Kollegen Roger Penrose beweisen, dass die Singularitäten keine Artefakte als Folge falscher theoretischer Annahmen bei der Lösung der Einstein-Gleichungen sind, wie von vielen Physikern vermutet, sondern eine direkte Folge der anziehenden Natur der Gravitation selbst (es ist dies das so genannte Singularitäten-Theorem). Schwarze Löcher sollten daher bei ausreichend hoher Massenkonzentration tatsächlich existieren. Kurz darauf lieferten Hawking und Penrose einen mathematischen Beleg dafür, dass das Universum aus einem Urknall entstanden ist. Ihre Begründung: Die Mathematik der Singularität in einem Schwarzen Loch und diejenige beim Anfang des Universums ist die gleiche. Damit lieferten Hawking und Penrose eine erste bedeutende mathematische Stütze für die heute allseits akzeptierte Urknalltheorie. Es war dies zugleich der Startschuss für die Kosmologie als Wissenschaft.

1974 folgte Hawkings berühmteste Arbeit, die ihm den Ruf eines Genies einbringen sollte. Zur Überraschung seiner Physiker-Kollegen konnte er zeigen, dass Schwarze Löcher Materie und Energie nicht unwiederbringlich verschlucken, sondern dass sie ihrerseits Strahlung aussenden. Somit verdampft ein Schwarzes Loch langsam, bis es irgendwann verschwindet, mitsamt allem, was hineingefallen ist. Dies betrifft auch jegliche Information, die es je verschluckt hat. Das widerspricht jedoch den Gesetzen der Quantentheorie, nach denen Information nicht unwiederbringlich verloren gehen kann. Hawking war von seiner Schlussfolgerung derart überzeugt, dass er forderte, die etablierte und experimentell bisher in jedem noch so kleinen Detail bestätigte Quantenfeldtheorie entsprechend abzuändern.

Die Angelegenheit führt uns tief in die Problemstruktur der heutigen theoretischen Physik. Hawking erkannte, dass wir, um schwarze Löcher zu beschreiben, nicht darum herumkommen, neben der Relativitätstheorie und Quantentheorie eine dritte wesentliche Theorie der heutigen Physik herbeizuziehen, die Thermodynamik. In ihr verfügt jedes physikalische System über eine so genannte Entropie, ein Maß für die darin enthaltene Unordnung, oder äquivalent seine Information. Gemäß Hawking sollte auch einem schwarzen Loch ein solches Maß zukommen. Lässt sich aber einem schwarzen Loch Entropie zuordnen, so müsste es dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gehorchen, nach dem die Entropie in einem (geschlossenen) System niemals sinken kann, geschweige denn verschwinden. Gemäß der allgemeinen Relativitätstheorie wäre ein Schwarzes Loch jedoch ein Entropie- (oder analog Informations-) Vernichter. Das Dilemma, vor welchem die theoretischen Physiker stehen, lässt sich also wie folgt auf den Punkt bringen: Entweder sie lassen den Verlust der Information (oder Entropie) zu und müssen die Quantentheorie und Thermodynamik entsprechend modifizieren, oder sie lassen Information aus Schwarzen Löchern entkommen, was einer Ergänzung der allgemeinen Relativitätstheorie bedarf.

Die Strahlung Schwarzer Löcher erhielt Hawking zu Ehren den Namen Hawking-Strahlung. Was seine Einsicht besonders macht: Hawking gewann sie unter Berufung auf die Quantentheorie. Er war damit der erste, der eine astrophysikalische Theorie aufstellte, die Quantentheorie und allgemeine Relativitätstheorie kombinierte. Bis heute ist es der Traum der Physiker, diese beiden fundamentalen, aber inkompatiblen Theorien der Natur, die Quantenfeldtheorie und die allgemeine Relativitätstheorie, zu einer Theorie der „Quantengravitation“ zu vereinen. Wie Einstein 50 Jahre vor ihm suchte Hawking Zeit seines Lebens nach einem Weg zu einer solchen vereinheitlichenden Theorie, einer so genannten „Theorie von Allem“ („Theory of Everything“). Doch wie seinem großen Vorgänger war ihm dabei kein Erfolg gegönnt.

In den 1980er Jahren, von seiner Krankheit körperlich gezeichnet, suchte er nach einem besonderen Weg zu einer Theorie der Quantengravitation und allgemeinen Kosmologie. Dafür wandte er eine komplexe mathematische Methode aus der Quantenfeldtheorie auf die Relativitätstheorie an, die sogenannte euklidische Pfadintegralformulierung. Wie er in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Zeit erklärt, muss man dafür eine imaginäre Zeitvariable einführen, ein Trick, der in der Quantentheorie und Thermodynamik Wick-Rotation genannt wird. Damit ließ sich der Anfang des Universums mathematisch beschreiben. Veranschaulichen lässt sich dies mit einer Kugel wie der Erdoberfläche, deren zeitlicher „Anfang“ der Nordpol ist. Eine Kugelfläche hat keinen Rand, auf ihr gibt es keine natürliche Begrenzung. Wege auf ihr sind geschlossen oder endlos. Bezogen auf die zeitliche Dimension bedeutet dies: Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Analog ist auch das Universum in sich geschlossen. Es begann nach dieser "Kein-Rand-Hypothese" spontan aus dem Nichts. Hawking meinte: „Die Frage, was vor dem Urknall war, ist genauso wie jene, was eine Meile nördlich des Nordpols liegt.“ Er war überzeugt: Die „Kein-Rand-Bedingung“ ist der Schlüssel zur Schöpfung, zur Antwort auf die Frage, warum wir hier sind. Hawkings Konzept hätte bedeutende Konsequenzen für unser Weltbild. Er selbst formulierte diese wie folgt:

„Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende; es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“

Im Jahr 2004, er konnte schon nicht mehr sprechen, erkannte Hawking eine Eigenschaft Schwarzer Löcher an, die seinen Arbeiten von 30 Jahren zuvor widersprach: In ihnen geht keine Information verloren. Jegliche Information über Objekte, die ein schwarzes Loch verschluckt, wird irgendwann in einer veränderten Form wieder ausgespuckt. Diese Einsicht beruhte auf Eigenschaften der String-Theorie. Und hier gab er sich als fairer Verlierer, denn er hatte 1997 noch mit seinem Kollegen John Preskill gewettet, dass es in einer Quantengravitationstheorie keine Möglichkeit gibt, dass Information erhalten bleibt. Mit seinem Standpunktwechsel löste er auch seine Wettschulden ein, eine Enzyklopädie nach Wahl des Gewinners ("weil Informationen aus dieser Quelle ganz nach Wunsch wiedererlangt werden können").

Auch außerhalb seines Fachgebiets zögerte Hawking nicht, seine Meinung öffentlich zu machen. So sprach er über mögliche Risiken, die die Suche nach außerirdischem Leben für die Menschheit hat, die Notwendigkeit, den Weltraum zu besiedeln, oder darüber, dass künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen insgesamt ersetzen könnten. Bezüglich letzterem sagte er:

„Der Erfolg bei der Schaffung einer künstlichen Intelligenz könnte das größte Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation sein. Aber es könnte auch das Letzte sein, wenn wir nicht lernen, Risiken zu vermeiden. Neben den Vorteilen bringt die künstliche Intelligenz auch Gefahren mit sich, wie mächtige autonome Waffen oder neue Wege für die Wenigen, die Vielen zu unterdrücken.“
Durch Hawkings öffentliches Engagement und seine populären Bücher erhielt auch die breitere Öffentlichkeit eine Vorstellung davon, wie verrückt die moderne theoretische Physik klingt und wie erhaben und wunderschön sie zugleich ist. Stephen Hawking hat wie nur sehr wenige Menschen aufgezeigt, dass die hoch abstrakten und mathematischen Einsichten der modernen Astrophysik und Kosmologie zu den schönsten Produkten des menschlichen Geistes gehören. Trotz ihrer Abstraktheit, die den meisten Menschen den Zugang zu ihnen verschließt, prägen sie unser modernes Weltbild wie kaum etwas anderes. Auch hier trifft sich Hawking mit Albert Einstein. Ist es dann wirklich nur ein Zufall, dass sein Todestag genau auf den Geburtstags des grössten Physikers aller Zeiten fällt: Einstein wäre am 14. März 139 Jahre alt geworden.
Mit Stephen Hawking ist ein wahrlich wunderschöner Geist von uns gegangen, der auch dann nicht aufgehört hat sich in den höchsten Sphären des Denken zu bewegen, als der Körper schon nahezu jede Bewegungsfähigkeit verloren hatte.

Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er – als umtriebiger Querdenker – zwei eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Seine letzten Bücher „Die Naturwissenschaften. Eine Biographie“ (2015) und „Wissenschaft und Spiritualität“ (2016) sind bei Springer Spektrum erschienen. Im August 2017 erschien sein neustes Buch „Supermacht Wissenschaft“ beim Gütersloher Verlagshaus.
 
 

Das galante Hin und Her der Schmeicheleien
Dr Christoph Quarch / Foto: Oliver Hallmeier
 
Das galante Hin und Her der Schmeicheleien
Flirten ist keine Rumkriegsführung, sondern ein Spiel. Wie jedes Spiel will es gekonnt sein

Von Christoph Quarch

Gotthold Ephraim Lessing, den man nicht unbedingt als Draufgänger oder Halodri kennt, legte in seiner Emilia Galotti der Mutter der Titelheldin ein denkwürdiges Wort in den Mund. Ihrer Tochter hält sie vor, sie sei die „Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt. Eine Höflichkeit wird in ihr zur Empfindung, eine Schmeichelei zur Beteurung, ein Einfall zum Wunsche, ein Wunsch zum Vorsatze. Nichts klingt in dieser Sprache wie alles, und alles ist in ihr so viel als nichts.“ Die Frau hätte auch sagen können: „Du verstehst nicht von der Kunst des Flirtens“. Zur Zeit von Lessing wäre das ein hartes Wort gewesen, lebte er doch in einer Welt, in der das Flirten – damals nannte man es noch Galanterie – durch alle gesellschaftlichen Kreise hindurch in höchstem Ansehen stand. Er war eine Kulturform, die es zu beherrschen galt. Und wer dies nicht tat, machte sich – so wie die arme Emilia – lächerlich. Das ist heute anders geworden. Nicht, weil sich nicht mehr schämen müsste, wer die Kunst des Flirtens nicht beherrscht, sondern weil diese Kunst nicht mehr geübt wird. Es wird nicht mehr geflirtet. Gäbe es so etwas wie ein Museum der menschlichen Umgangsformen: der Flirt hätte darin eine ansehnliche Schauvitrine verdient.

Wer andere anmacht, geht auf Beute aus
Womöglich regt sich Widerspruch: Wird denn nicht überall geflirtet – in Bars und Diskotheken, Kantinen und Hörsälen, Chefetagen und Kaschemmen? Gewiss, es sieht so aus, als werde dort geflirtet. Die Frage aber ist, ob das, was dort geschieht, tatsächlich auch ein Flirt ist: ob dort jene Sprache gesprochen wird, in der „nichts wie alles“ und „alles so viel als nichts klingt.“ Oder ob diejenige Art der Konversation, die dort vollzogen wird, nicht vielmehr das ist, wofür die deutsche Sprache das unschöne Wort „Anmache“ bereithält.

Es wäre nicht wunderlich, denn Anmache liegt voll und ganz im Zeitgeist – was man vom galanten Flirt nicht wirklich sagen kann. Anmache ist ein zweckgerichtetes Handeln. Wer einen anderen Menschen anmacht, will etwas erreichen – will etwas von ihm oder von ihr. Beim Anmachen, geht es um die Beute, das Ergebnis, das konsequent verfolgt wird und das maßgeblich ist für das Gelingen oder das Misslingen dieses Unterfangens. Für die Anmache, nicht für den Flirt, trifft zu, was einst Marcello Mastroianni zu Protokoll gab: „Ein Flirt ohne tiefere Absicht ist ungefähr so sinnvoll wie ein Fahrplan ohne Eisenbahn.“

Verlust der Unbefangenheit
Wenn dieses Wort am Flirt vorbeizielt, was heißt Flirten dann? Die Antwort ist nicht schwer: Flirten ist Spielen, der Flirt ist ein Spiel mit Worten. Und so wie jedes Spiel – da hat Emilias Mutter recht – muss man sich darin üben, um es zu beherrschen oder es gar zur Meisterschaft darin zu bringen. Am wichtigsten dabei ist aber, dass man sich den spielerischen Geist bewahrt. Und eben der droht heute auszusterben: Man spielt nicht mehr mit jener Unbefangenheit, mit der die Menschen noch zu Lessings Zeiten spielten. Man spielt nicht mehr, um sich an seinen Spielen zu ergötzen. Sondern man spielt, um dabei zu gewinnen: den Jackpot, die Trophäe oder eben – bei der Anmache – die Frau oder den Mann, die man begehrt.

Wer bei seinem Handeln aufs Ergebnis, auf den Output oder den Profit starrt, ist aber kein Spieler, sondern ein Geschäftsmann; ein Wolf im Schafspelz, könnte man auch sagen. Es geht ihm nicht darum, mit einem anderen Menschen eine gute Zeit zu verbringen, die sich vollkommen selbst genügt und ihren Wert ausschließlich im Vollzug der Praxis hat. Nein, er will effizient und funktional das avisierte Ziel erreichen. So denkt der Mensch, den man den homo oeconomicus genannt hat – der Menschentypus, der in unserer Welt allgegenwärtig ist. Der homo oeconomicus jedoch ist unfähig zu spielen. Nein, schlimmer noch: Er ist ein Spielverderber. Und deshalb bleibt ihm nur die Anmache. Das Spiel des Flirtens ist ihm verwehrt.

Den Geist heben, die Seele nähren
Anders verhält es sich mit der Art von Mensch, die man den homo ludens nennt: der spielende Mensch. Ihm geht es nicht um den Gewinn, den er am Ende einstreicht, sondern ausschließlich um den guten Spielverlauf. Die Meisterin oder den Meister des Flirtspiels erkennt man darin, dass es ihr oder ihm gelingt, im Wechselspiel der Schmeicheleien eine Atmosphäre zu erzeugen, die den Geist hebt und die Seele nährt. Die Kunst des Flirts lässt sich mit der Musik vergleichen: zwei Spieler stimmen sich improvisierend aufeinander ein, bauen sich aneinander auf, erzeugen eine Spannung, die es ihnen möglich macht, sich leichtfüßig und elegant dem anderen zu zeigen. Und das hat seinen Wert in sich. Da fragt man nicht nach einem Output. Täte man es, der Zauber jenes Spiels würde sofort verfliegen und es bliebe nur ein kaltes, graues Business.

Im 18. Jahrhundert wusste man das noch. La Rochefoucauld traf die Sache recht genau, als er bemerkte, Galanterie bestehe darin, „leere Dinge auf angenehme Weise zu sagen“. Wenn Sie so etwas verwerflich finden, zeigen Sie damit, wie sehr Ihr Geist vom homo oeconomicus besetzt ist. In Wahrheit ist es gar nicht schlimm, auf angenehme Weise leere Dinge zu sagen, wenn denn die leeren Dinge den Menschen eine Freude machen. Und weil es genau darum geht, sind Spiele eine ernste Angelegenheit. Ihr Sinn besteht durch nicht darin, dass das Ich des Spielers den Gewinn einstreicht; sondern dass die Spielenden gemeinsam ihre Seele nähren. Und das ist auch der Sinn des Flirtens.

Verbindlich-unverbindliche Zärtlichkeit
Jedes Spiel hat seine Grenze – räumlich und zeitlich. So auch der Flirt. Wenn er vorbei ist, ist er vorbei. Wer wirklich flirtet, kann den Flirt verlassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Flirtenden teilten eine gute Zeit. Was will man mehr? Der Sinn des Flirts hat sich darin erfüllt. Und darin liegt die Schönheit, die ihm eigen ist: Zwei Menschen kamen sich auf eine spielerische Weise nahe. Vielleicht spielten sie mit dem Feuer, aber es blieb ein Spiel, das einzig dazu diente, einander wohlzutun und das Gegenüber mit Worten zu umschmeicheln. Der Flirt ist eine unverbindliche und dabei doch verbindende Zärtlichkeit, eine heitere Tändelei, die keine Spuren hinterlässt. Wobei man nicht verschweigen sollte, dass Catherin Deneuve nicht falsch lag, als sie sagte: „Ein Flirt ist wie eine Tablette: Niemand kann die Nebenwirkung genau voraussagen.“

Das ist wohl so, doch sollte es niemanden davon abhalten, diese Tablette gelegentlich einzuwerfen und sich dieses Spielvergnügen zu versagen. Nur eines ist dabei wichtig: dass Sie als Flirtender oder Flirtende Ihre Flirtpartner nicht darüber im Unklaren lassen, dass Sie sie eben nicht anzumachen gedenken, sondern einfach eine gute Zeit mit ihnen teilen wollen. Und das kann richtig Freude machen.

Dr. phil. Christoph Quarch ist Philosoph, Autor und Berater. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit „ZEIT-Reisen“.
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Grenzen
Dr Christoph Quarch / Foto: Oliver Hallmeier
 
Grenzen
Von Christoph Quarch

Das größte Thema unserer Zeit heißt Grenzen. Wer hätte das gedacht? Wir waren auf dem Weg zur Grenzenlosigkeit, wir fuhren durch Europa ohne Grenzkontrollen, die innerdeutsche Grenze fiel, die Grenze zwischen West und Ost wurde porös. Zugleich begann der Siegeszug des grenzenlosen Marktes: Globalisierung, Welthandel, Finanzströme. Und dann, der vorerst größte Meilenstein auf diesem Weg zur Grenzenlosigkeit, das Internet. Grenzenlos viele Daten, die in Echtzeit über alle Grenzen springen, grenzenlose Freiheit im virtuellen Raum. Sollte ein alter Traum der Menschheit doch noch wahr werden? Ein Leben ohne Grenzen? Ein Traum oder ein Alptraum?

Im alten Griechenland, wo vor 2500 Jahren eine unvergleichliche Kultur erblühte, sah man das Thema Grenze mit ganz anderen Augen. Es war die feste Überzeugung jener Menschen, dass alles Leben Grenzen braucht und dass im Menschenleben Grenzenlosigkeit und Grenze nicht zu trennen sind. Péras und Ápeiron – so die griechischen Worte – bedürfen einander: Die grenzenlose Energie des Lebens braucht die Form, die ihr die Grenze gibt, erklärte Platon in seinem Philebos. Und in den Werken seines Schülers Aristoteles stößt man auf einen echten Horror vorm Unendlichen, der wie ein cantus firmus bei ihm wiederkehrt: Der Kosmos muss einen Anfang haben und das Geldwachstum ein Ende, alles hat ein eigenes Maß, das ihm die Grenze setzt. Sie zu verletzen, führt zu Unheil und Verderben, meinte er.

Im Hintergrund des ursprünglichen Denkens steckte eine tiefe Wahrheit: das Wissen um die Grenze, die der Tod setzt: θνήτα φρονεῖν – Bedenke dass du sterblich bist! Das war ein vielzitiertes Wort. Die Grenze, die der Tod setzt, wurde akzeptiert. Der Mensch verstand sich als ein Sterblicher. Man wusste, dass Unsterblichkeit und Grenzenlosigkeit dem Menschen Wert und Würde rauben. Und man verurteilte das Aufbegehren gegen diese Grenze als maßlos und vermessen: als hýbris.

Was hätte wohl ein Sokrates gedacht, wenn er von dem erfahren hätte, was die Vordenker der IT-Branche uns in Aussicht stellen: die Überwindung der Grenze von organischer und künstlicher Intelligenz, die Überwindung der Grenze des Todes durch Digitalisierung des Gehirns, die Überwindung aller Grenzen durch den Fortschritt der Robotertechnik? Er wäre nicht beglückt darüber, hätte uns gewarnt. Und er hätte uns gefragt, was diese Grenzenüberschreitung mit uns Menschen macht.

Tatsächlich sehen wir inzwischen klar, wohin es führt, wenn Grenzen fallen. Mit ihnen fallen auch Tabus und Werte. Im Internet sind nicht nur quantitativ alle Grenzen überschritten, auch qualitativ – vor allem ethisch und moralisch – werden alle Grenzen eingerissen: Postfaktizität. Und was im Internet geschieht, ereignet sich genauso in der analogen Welt aus Fleisch und Blut: Wo Anstandsgrenzen walteten, herrscht blanke Barbarei. Die grenzenlose Wirtschaft und ihr Traum vom grenzenlosen Fortschritt schaffen eine grenzenlose Umweltkatastrophe. Grenzenlose Fundamentalisten und Politiker erzeugen grenzenlose Flüchtlingsströme, die grenzenloses Elend mit sich bringen. Kein Wunder, dass der Ruf nach Grenzen wieder laut wird! Kein Wunder, dass man Präsident der USA wird, wenn man den Menschen Grenzen zusichert! Kein Wunder, dass die Briten neue alte Grenzen wollen. Die Schere öffnet sich bedrohlich: der Grenzenlosigkeit im digitalen Raum entspricht ein neuer, militanter Ruf nach analogen Grenzen. Doch bringen diese analogen Grenzen die Begrenztheit, die das Leben braucht? Wohl eher nicht – genauso wenig wie die digitale Grenzenlosigkeit uns gut tut.

Was ist zu tun? Wir brauchen Grenzen, die das Leben schützen. Das heißt vor allem, jene Grenzen anzunehmen, die das Leben setzt. Die Grenze meines Lebens ist gezogen durch den schlichten Umstand, dass ich nicht allein bin: dass neben mir noch andere sind, die leben wollen – dass ich ein Teil des großen Kosmos bin, dessen Gesetze mir das Leben möglich machen und mir Grenzen setzen, Grenzen des Wachstums, Grenzen des Lebens, Grenzen der Entfaltung; dass ich zu sterben habe, damit nach mir anderes, neues Leben auf der Erde wandeln kann. Begrenztheit ist der Preis, den wir dafür zu zahlen haben, dass es Vielfalt und damit auch Schönheit gibt. Der Wunsch nach Grenzenlosigkeit ist – recht betrachtet – gar nichts anderes als ein ins Grenzenlose aufgeblähter Egoismus.

Leben braucht Grenzen: das zu akzeptieren ist der erste Schritt zur Rettung. Den Leuten, die uns Grenzenlosigkeit verheißen – sei es im digitalen oder analogen Raum – sollten Sie abschwören. Und Lehren – seien sie wissenschaftlich, philosophisch oder spirituell gewandet –, die Ihnen die Erfüllung in der Grenzenlosigkeit verheißen, sollten Sie tunlichst meiden. Nicht grenzenloses Einerlei ist, was das Leben zur Entfaltung der Lebendigkeit benötigt: sondern es braucht den Respekt vor jenen Grenzen, die das bunte, schöne, vielfältige, bezaubernde Konzert des Kosmos überhaupt erst möglich machen.

Leben braucht Grenzen, und die Kunst des Lebens besteht darin, die begrenzten Wesen so ins Verhältnis zu setzen, dass sie sich zu einem schönen Ganzen fügen – zu stimmigen Ganzheiten, die miteinander und im Wechselspiel Erfüllung finden. Das eben ist das Schöne am Projekt Europa: dass es Grenzen anerkennt und dabei doch auf einer höheren Ebene ein Ganzes ist. Das ist auch das Schöne einer Partnerschaft: dass sie die Grenze anerkennt und liebt, die mir durch einen anderen gezogen ist.

Am Ende ist es eine Aufgabe des Geistes, mit Grenzen – die nun einmal da sind und die wir auch brauchen – richtig umzugehen. Wir brauchen einen Geist, der Grenzen nicht beseitigt, sondern das Begrenzte aneinander bindet. Wir brauchen einen grenzenlosen Geist der Liebe und Verbundenheit. Nur hier ist Grenzenlosigkeit dem Leben dienlich. Allein ein solcher Geist wird dem genügen, was das Leben zur Entfaltung braucht.

Doch nicht nur das. Wir brauchen ferner einen Geist, der Grenzen setzt, – vor allem in der immateriellen, scheinbar nicht den Gesetzen des Lebens unterworfenen digitalen Welt. Nur ein grenzsetzender Geist wird uns vor digitaler, ökonomischer und moralischer Hybris retten, denn nur er wird lebensdienliche Grenzen zu ziehen vermögen: Grenzen, die uns vor der digitalen und moralischen Maßlosigkeit bewahren; Grenzen, die wir dringend brauchen.

Das Grenzenziehen den Populisten und Trumps dieser Welt zu überlassen, wäre fatal. Lassen Sie uns miteinander dafür kämpfen, das Grenzen wiederkehren, die dem Leben dienen – im Denken und Handeln, in Moral und Politik, in Wirtschaft und im Datennetz; Grenzen, die nicht durch Stacheldraht und Mauern markiert sind; Grenzen, die verbinden und nicht trennen.

Dr. phil. Christoph Quarch ist Philosoph, Autor und Berater. Er lehrt anverschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit „ZEIT-Reisen“.
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