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Dienstag, 28. Juni 2022
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Auf den Spuren der Kolonialzeit
Augustinermuseum, FR und Kolonialismus: Nashornschädel (c) Foto: Seeger
 
Auf den Spuren der Kolonialzeit
Ausstellung im Augustinermuseum blickt kritisch auf die Rolle Freiburgs
Rassistische Muster prägen bis heute unseren Alltag

Noch immer profitieren wir ökonomisch, politisch und kulturell von den Strukturen der Unterdrückung und Ausbeutung, die vor 1919 geschaffen wurden. Was hatte und hat Freiburg und seine Bevölkerung mit dem deutschen Kolonialismus zu tun? Wie wurden bestimmte rassistische Verhaltensmuster über Generationen hinweg weitergegeben? Und wie äußern sie sich auch heute noch in unserem Alltag? Das erfahren die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Freiburg und Kolonialismus: Gestern? Heute!“ ab Samstag, 25. Juni, im Augustinermuseum. Die Schau blickt bis Sonntag, 11. Juni 2023, auf die kolonialen Verflechtungen der Stadt und regt dazu an, das eigene Handeln im Hier und Jetzt zu hinterfragen.

Das Deutsche Kaiserreich hatte sich ab 1884 Gebiete in Afrika, Asien und Ozeanien angeeignet. Auch Freiburgerinnen und Freiburger waren aktiv an der Unterdrückung und Ausbeutung der dort lebenden Menschen beteiligt. Die Ausstellung blickt kritisch auf die Rolle einzelner Kolonialbeamter in der gewaltgeprägten Geschichte des ehemaligen ‚Schutzgebietes‘ Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.

Ein Fokus liegt auf dem Alltäglichen, das ins persönliche Leben jedes Menschen reichte und es der Freiburger Bevölkerung schwer machte, sich dem Kolonialismus zu entziehen: der Genuss von Kaffee, Tee und Südfrüchten, das Tragen von Baumwollkleidung, der Besuch von sogenannten ‚Völkerschauen‘ im Stadtteil Stühlinger oder die Mitgliedschaft in bestimmten Vereinen.

Wie die Wissenschaft die Verbreitung des kolonialen Gedankenguts beeinflusste, zeigt die Ausstellung am Beispiel des heutigen Museums Natur und Mensch und der Universität Freiburg: Das ehemalige Museum für Natur- und Völkerkunde erhielt nach seiner Gründung im Jahr 1895 einen Großteil seiner Objekte von Menschen, die in den deutschen Kolonien aktiv waren – zum Teil auch unter Anwendung von Gewalt. Und auch die Wissenschaftler der Freiburger Universität nutzten die koloniale Infrastruktur für ihre Forschung. Zugleich verbreiteten Professoren und Dozenten in ihren Vorlesungsreihen rassistische Inhalte an das städtische Bildungspublikum.

Der deutsche Kolonialismus endete 1919. Doch seine Ideologie wirkt bis heute. Wie ist das möglich? Die Besucherinnen und Besucher erfahren, wie rassistisches Denken, Sprechen und Handeln bis weit in das 20. Jahrhundert hinein zum Alltag gehörten. Vorurteile und abwertende Verhaltensmuster gegenüber Menschen außereuropäischer Herkunft wurden unbewusst oder sogar bewusst über Generationen hinweg weitergegeben – und äußern sich auch heute noch in unserer Gesellschaft. Eine Medienstation lädt zur Selbstreflektion ein.

Dem Motto „Nichts über uns ohne uns“ folgend, wurde die Ausstellung nicht nur aus dem Museum heraus gestaltet. Vielmehr räumt sie Platz für den Blickwinkel externer Partnerinnen und Partner ein. Stellvertretend für zahlreiche Freiburger Initiativen, die den deutschen Kolonialismus aufarbeiten, kommen einige Gruppen zu Wort. Dabei geht es beispielsweise um die Friedensarbeit in Burundi, dessen Bevölkerung durch postkoloniale Strukturen zutiefst gespalten ist. Beleuchtet wird auch, welche Aufgaben die Schülerinnen und Schüler des UWC Robert Bosch College Freiburg für eine gerechtere Welt sehen.

Die Ausstellung ist deutschlandweit eine der ersten, die den Kolonialismus mit Blick auf eine Stadtgesellschaft aufarbeitet. Sie zeigt, dass Freiburg kein ‚key player‘ des europäischen oder deutschen Kolonialismus war – aber Teil der breiten Basis, die ihn getragen und ermöglicht hat. Zwar haben sich einzelne Personen aktiv militärisch, ökonomisch oder wissenschaftlich an der Ausbeutung beteiligt. Es waren aber vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner, die durch ihr Denken und ihren Konsum mit dem Kolonialismus verflochten waren. Die Schau zeigt, dass wir auch heute noch umgeben sind von Spuren der Kolonialzeit und dass Rassismus und Ausbeutung – anders als viele annehmen – noch immer alltäglich sind.

Die Ausstellung wird durch die Baden-Württemberg Stiftung und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert. Kuratorin ist Beatrix Hoffmann-Ihde, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Städtischen Museen Freiburg.

Interdisziplinäre Bildungsangebote, Veranstaltungen und Führungen begleiten die Schau. Schulklassen und Interessierte sind eingeladen, sich tiefer mit Themen wie Rassismus und kolonialen Strukturen auseinanderzusetzen oder Einblicke in die Praxis der Provenienzforschung zu erhalten. Angelika Zinsmaier, Referentin für Kulturvermittlung, und Peter Geißler, Referent für Naturvermittlung, haben das Programm für diese und die parallel laufende Ausstellung „Handle with care – Sensible Objekte der Ethnologischen Sammlung“ im Museum Natur und Mensch gemeinsam konzipiert. Es folgt den Leitlinien zur Bildung für nachhaltige Entwicklung der UNESCO, indem es wertvolle Impulse für das zukünftige, globale Zusammenleben gibt. Kooperationspartner ist das Informationszentrum 3. Welt (iz3w) des Vereins Aktion Dritte Welt. Die Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg fördert das Programm. Alle Veranstaltungen und weitere Infos zu den Ausstellungen gibt es unter freiburg.de/kolonialismus oder freiburg.de/handle-withcare.

Der Katalog zur Sonderausstellung erscheint am 23. September im Sandstein Verlag und ist ab dann für 29,80 Euro an der Museumskasse und für 34,95 Euro im Buchhandel erhältlich.

Das Augustinermuseum am Augustinerplatz ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr und freitags bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Das Ticket gilt als Tagesticket für alle Häuser der Städtischen Museen Freiburg und damit auch für die Ausstellung „Handle with care“ im Museum Natur und Mensch. Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 Jahren, Mitglieder des Freundeskreises und mit Museums-Pass-Musées ist der Eintritt frei.

zum Bild oben:
Schädel eines Nashorns, ehemals DeutschOstafrika, um 1910.
Foto: Patrick Seeger.
Das Nashorn ist ein gewaltiges Säugetier und die Jagd darauf prestigeträchtig. Der Schädel ist eine Jagdtrophäe. Der Schenker Wilhelm Winterer (1879–1969) war als Offizier der sogenannten „Schutztruppe“ möglicherweise selbst der Schütze.
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Eintrag vom: 22.06.2022  




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