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Sonntag, 26. März 2017
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Kurz-Essay 
 
Das galante Hin und Her der Schmeicheleien
Dr Christoph Quarch / Foto: Oliver Hallmeier
 
Das galante Hin und Her der Schmeicheleien
Flirten ist keine Rumkriegsführung, sondern ein Spiel. Wie jedes Spiel will es gekonnt sein

Von Christoph Quarch

Gotthold Ephraim Lessing, den man nicht unbedingt als Draufgänger oder Halodri kennt, legte in seiner Emilia Galotti der Mutter der Titelheldin ein denkwürdiges Wort in den Mund. Ihrer Tochter hält sie vor, sie sei die „Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt. Eine Höflichkeit wird in ihr zur Empfindung, eine Schmeichelei zur Beteurung, ein Einfall zum Wunsche, ein Wunsch zum Vorsatze. Nichts klingt in dieser Sprache wie alles, und alles ist in ihr so viel als nichts.“ Die Frau hätte auch sagen können: „Du verstehst nicht von der Kunst des Flirtens“. Zur Zeit von Lessing wäre das ein hartes Wort gewesen, lebte er doch in einer Welt, in der das Flirten – damals nannte man es noch Galanterie – durch alle gesellschaftlichen Kreise hindurch in höchstem Ansehen stand. Er war eine Kulturform, die es zu beherrschen galt. Und wer dies nicht tat, machte sich – so wie die arme Emilia – lächerlich. Das ist heute anders geworden. Nicht, weil sich nicht mehr schämen müsste, wer die Kunst des Flirtens nicht beherrscht, sondern weil diese Kunst nicht mehr geübt wird. Es wird nicht mehr geflirtet. Gäbe es so etwas wie ein Museum der menschlichen Umgangsformen: der Flirt hätte darin eine ansehnliche Schauvitrine verdient.

Wer andere anmacht, geht auf Beute aus
Womöglich regt sich Widerspruch: Wird denn nicht überall geflirtet – in Bars und Diskotheken, Kantinen und Hörsälen, Chefetagen und Kaschemmen? Gewiss, es sieht so aus, als werde dort geflirtet. Die Frage aber ist, ob das, was dort geschieht, tatsächlich auch ein Flirt ist: ob dort jene Sprache gesprochen wird, in der „nichts wie alles“ und „alles so viel als nichts klingt.“ Oder ob diejenige Art der Konversation, die dort vollzogen wird, nicht vielmehr das ist, wofür die deutsche Sprache das unschöne Wort „Anmache“ bereithält.

Es wäre nicht wunderlich, denn Anmache liegt voll und ganz im Zeitgeist – was man vom galanten Flirt nicht wirklich sagen kann. Anmache ist ein zweckgerichtetes Handeln. Wer einen anderen Menschen anmacht, will etwas erreichen – will etwas von ihm oder von ihr. Beim Anmachen, geht es um die Beute, das Ergebnis, das konsequent verfolgt wird und das maßgeblich ist für das Gelingen oder das Misslingen dieses Unterfangens. Für die Anmache, nicht für den Flirt, trifft zu, was einst Marcello Mastroianni zu Protokoll gab: „Ein Flirt ohne tiefere Absicht ist ungefähr so sinnvoll wie ein Fahrplan ohne Eisenbahn.“

Verlust der Unbefangenheit
Wenn dieses Wort am Flirt vorbeizielt, was heißt Flirten dann? Die Antwort ist nicht schwer: Flirten ist Spielen, der Flirt ist ein Spiel mit Worten. Und so wie jedes Spiel – da hat Emilias Mutter recht – muss man sich darin üben, um es zu beherrschen oder es gar zur Meisterschaft darin zu bringen. Am wichtigsten dabei ist aber, dass man sich den spielerischen Geist bewahrt. Und eben der droht heute auszusterben: Man spielt nicht mehr mit jener Unbefangenheit, mit der die Menschen noch zu Lessings Zeiten spielten. Man spielt nicht mehr, um sich an seinen Spielen zu ergötzen. Sondern man spielt, um dabei zu gewinnen: den Jackpot, die Trophäe oder eben – bei der Anmache – die Frau oder den Mann, die man begehrt.

Wer bei seinem Handeln aufs Ergebnis, auf den Output oder den Profit starrt, ist aber kein Spieler, sondern ein Geschäftsmann; ein Wolf im Schafspelz, könnte man auch sagen. Es geht ihm nicht darum, mit einem anderen Menschen eine gute Zeit zu verbringen, die sich vollkommen selbst genügt und ihren Wert ausschließlich im Vollzug der Praxis hat. Nein, er will effizient und funktional das avisierte Ziel erreichen. So denkt der Mensch, den man den homo oeconomicus genannt hat – der Menschentypus, der in unserer Welt allgegenwärtig ist. Der homo oeconomicus jedoch ist unfähig zu spielen. Nein, schlimmer noch: Er ist ein Spielverderber. Und deshalb bleibt ihm nur die Anmache. Das Spiel des Flirtens ist ihm verwehrt.

Den Geist heben, die Seele nähren
Anders verhält es sich mit der Art von Mensch, die man den homo ludens nennt: der spielende Mensch. Ihm geht es nicht um den Gewinn, den er am Ende einstreicht, sondern ausschließlich um den guten Spielverlauf. Die Meisterin oder den Meister des Flirtspiels erkennt man darin, dass es ihr oder ihm gelingt, im Wechselspiel der Schmeicheleien eine Atmosphäre zu erzeugen, die den Geist hebt und die Seele nährt. Die Kunst des Flirts lässt sich mit der Musik vergleichen: zwei Spieler stimmen sich improvisierend aufeinander ein, bauen sich aneinander auf, erzeugen eine Spannung, die es ihnen möglich macht, sich leichtfüßig und elegant dem anderen zu zeigen. Und das hat seinen Wert in sich. Da fragt man nicht nach einem Output. Täte man es, der Zauber jenes Spiels würde sofort verfliegen und es bliebe nur ein kaltes, graues Business.

Im 18. Jahrhundert wusste man das noch. La Rochefoucauld traf die Sache recht genau, als er bemerkte, Galanterie bestehe darin, „leere Dinge auf angenehme Weise zu sagen“. Wenn Sie so etwas verwerflich finden, zeigen Sie damit, wie sehr Ihr Geist vom homo oeconomicus besetzt ist. In Wahrheit ist es gar nicht schlimm, auf angenehme Weise leere Dinge zu sagen, wenn denn die leeren Dinge den Menschen eine Freude machen. Und weil es genau darum geht, sind Spiele eine ernste Angelegenheit. Ihr Sinn besteht durch nicht darin, dass das Ich des Spielers den Gewinn einstreicht; sondern dass die Spielenden gemeinsam ihre Seele nähren. Und das ist auch der Sinn des Flirtens.

Verbindlich-unverbindliche Zärtlichkeit
Jedes Spiel hat seine Grenze – räumlich und zeitlich. So auch der Flirt. Wenn er vorbei ist, ist er vorbei. Wer wirklich flirtet, kann den Flirt verlassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Flirtenden teilten eine gute Zeit. Was will man mehr? Der Sinn des Flirts hat sich darin erfüllt. Und darin liegt die Schönheit, die ihm eigen ist: Zwei Menschen kamen sich auf eine spielerische Weise nahe. Vielleicht spielten sie mit dem Feuer, aber es blieb ein Spiel, das einzig dazu diente, einander wohlzutun und das Gegenüber mit Worten zu umschmeicheln. Der Flirt ist eine unverbindliche und dabei doch verbindende Zärtlichkeit, eine heitere Tändelei, die keine Spuren hinterlässt. Wobei man nicht verschweigen sollte, dass Catherin Deneuve nicht falsch lag, als sie sagte: „Ein Flirt ist wie eine Tablette: Niemand kann die Nebenwirkung genau voraussagen.“

Das ist wohl so, doch sollte es niemanden davon abhalten, diese Tablette gelegentlich einzuwerfen und sich dieses Spielvergnügen zu versagen. Nur eines ist dabei wichtig: dass Sie als Flirtender oder Flirtende Ihre Flirtpartner nicht darüber im Unklaren lassen, dass Sie sie eben nicht anzumachen gedenken, sondern einfach eine gute Zeit mit ihnen teilen wollen. Und das kann richtig Freude machen.

Dr. phil. Christoph Quarch ist Philosoph, Autor und Berater. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit „ZEIT-Reisen“.
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Sonstiges 
 
Bayreuth: „Spanischer Abend“ in Wahnfried
Ernst Burger / Foto: Richard Wagner Museum
 
Bayreuth: „Spanischer Abend“ in Wahnfried
Konzert zum 80.Geburtstag von Ernst Burger am 26. März 2017 im Wahnfried-Saal - Wagnermuseum Bayreuth

Ofelia Sala, Sopran und Ernst Burger, Klavier

Werke von Georges Bizet, Heitor Villa-Lobos, Enrique Granados und Manuel de Falla

Das Konzert findet am Sonntag, den 26. März 2017, um 19.30 Uhr am Steinway-Flügel Richard Wagners im Saal von Haus Wahnfried statt.

Museumsshop und Café Wahnfried haben bis Konzertbeginn geöffnet.
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Sonstiges 
 
 
Café im Liebieghaus wird bis zum Sommer teilrenoviert
Beliebtes Café bleibt während der Arbeiten geöffnet – ab 24. April übergangsweise Verkaufsstand auf der Gartenterrasse

Das Café im Liebieghaus ist eine Institution in Frankfurt – seine charmante, persönliche Atmosphäre und die Herstellung selbstgemachter Kuchen- und Kaffeespezialitäten wie die beliebte „Zwetschgen-Nuss-Tarte“ oder „Großmutters Grießkuchen“ machen seinen einzigartigen Charakter aus. Seit einem halben Jahr wird das Café sehr erfolgreich und mit viel Zuspruch vom Liebieghaus selbst betrieben. Jetzt sollen die Ausstattung und Infrastruktur der Gastronomie verbessert werden für optimalere Abläufe im Küchenbereich und bei den Serviceleistungen. Der bisherige historische und intime Charakter des Cafés wird dabei für die Besucher wie gewohnt erhalten bleiben.

Nachdem vor sechs Monaten bereits die sanitären Anlagen renoviert wurden, beginnt ab dem 24. April die bauliche Ertüchtigung der in die Jahre gekommenen Gastronomiebereiche. Im Mittelpunkt steht eine bedarfsgerechte Erneuerung der Kühl- und Küchenausstattung. Die Küchen- und Lagerräume erhalten einen verbesserten Brandschutz, eine neue Verkabelung und eine effektivere Belüftung. So werden die Arbeitsbedingungen für das Personal stark verbessert.

Bereits ab dem 30. März wird ein Verkaufsstand auf der Terrasse aufgebaut, in dem das beliebte Sortiment vom 24. April bis zum Sommer weiter verkauft wird. Besucher müssen in dieser Zeit auf nichts verzichten – das gewohnte Café-Team steht den Gästen im Liebieghaus Garten zur Verfügung und lädt Museumsbesucher, Stammgäste und neue Gäste wie bisher auf die Terrasse zum Verweilen, Entspannen und Genießen ein. Bis zur Mitte des Sommers sollen die Instandsetzungsarbeiten abgeschlossen sein.

Danach wird im Tagesgeschäft zusätzlich auch das an die bisherigen Café-Räumlichkeiten angrenzende Kaminzimmer mit neuen, gepolsterten Sitzmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Zudem können sich die Besucher ab Sommer über freies WiFi im Café freuen. Für den Terrassenbereich werden neue Tische, Stühle und Sonnenschirme angeschafft, die in die Atmosphäre des Liebieghaus Gartens passen. Alle Maßnahmen erfolgen äußerst behutsam unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes.
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Museumstipps 
 
VERMISST
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017; Foto: Tatjana Doll
 
VERMISST "Der Turm der blauen Pferde" von Franz Marc
Zeitgenössische Künstler auf der Suche nach einem verschollenen Meisterwerk

Ausstellung bis 05.06.2017
in München:
Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne
sowie in Berlin:
Haus am Waldsee. Internationale Kunst in Berlin

Ein Kooperationsprojekt des Hauses am Waldsee, Berlin mit der Staatlichen Graphischen Sammlung München

Kaum ein zweites Meisterwerk der Klassischen Moderne hat eine vergleichbar wechselvolle Geschichte wie das Gemälde Der Turm der blauen Pferde (1913) von Franz Marc. Durch seine abwechselnde Präsenz in München und Berlin verbindet es die beiden Kunstmetropolen, wird beinahe zerstört, gerettet und wieder bewahrt, bevor es nach dem Zweiten Weltkrieg spurlos verschwindet. Bis heute fragen sich Kunsthistoriker und Historiker: Wo ist Der Turm der blauen Pferde?
Eine spekulative Frage, der sich eine Gruppe von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern in Berlin und München stellt und die Ergebnisse in zwei parallelen Ausstellungen präsentiert.

Im Frühling 1913 malte Franz Marc das Bild auf dem Land in der Nähe von München, um es im gleichen Jahr in Berlin vorzustellen. Nach dem Tod von Franz Marc im Ersten Weltkrieg wird es 1919 auf der Gedächtnis-ausstellung in der Münchner Neuen Sezession zentral präsentiert und noch im gleichen Jahr von Ludwig Justi zu einem ungewöhnlich hohen Preis für die „Neue Abteilung“ der Berliner Nationalgalerie erworben.
Als „entartet“ 1937 gebrandmarkt und aus dem öffentlichen Museums-besitz entfernt, ist es noch im selben Sommer für wenige Tage auf der ersten Station der Ausstellung „Entartete Kunst“ in den Münchner Hofgartenarkaden zur Schau gestellt. Aufgrund der engagierten Kritik einzelner Bürger wird es lautlos entfernt, kommt später in ein Sammel-lager zur Verwertung „entarteter“ Kunst nach Berlin zurück, wo es von Hermann Göring einbehalten wird und letztlich in seinen unrechtmäßigen Besitz übergeht. Kurz nach Kriegsende soll Der Turm der blauen Pferde 1945 beziehungsweise 1948/49 angeblich noch einmal in Berlin gesehen worden sein. Unabhängig voneinander haben drei wichtige Zeugen das Bild am Leipziger Platz, im späteren Haus am Waldsee und zuletzt vis-a-vis im Haus der Jugend in Berlin Zehlendorf gesehen. Danach verlieren sich die Spuren.

Das Haus am Waldsee in Berlin und die Staatliche Graphische Sammlung München haben zwanzig zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler von internationalem Rang eingeladen, die Geschichte des Gemäldes mit den Mitteln der Malerei, der Zeichnung, der Bildhauerei, der Fotografie, Installation und Literatur in einer Doppelausstellung aus heutiger Sicht zu reflektieren.

Die Postkarte
Den Ausgangspunkt für die künstlerische Recherche in München bildet die zum Gemälde zeitlich früher entstandene postkartengroße Zeichnung, die Franz Marc mit Der Turm der blauen Pferde betitelte und zum Jahreswechsel 1912/13 an die eng befreundete, jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler schickte. In dieser „Vorzeichnung“ legte der Künstler haargenau die Komposition und den Farbklang für das spätere Bild fest.

Die Postkarte erscheint wie ein Phantombild, das die vergangene und zugleich noch mögliche Existenz des Gemäldes beglaubigt. Nicht zuletzt begründet der Verlust, der einhergeht mit dem Reiz des Unsichtbaren, seine anhaltende Popularität.
Unübersehbar hat die leuchtend blaue Gouache in der Heimatstadt des Blauen Reiters den Status einer Reliquie: Als Projektionsfläche bedient sie verklärte Sehnsüchte und erweckt einmal mehr den Wunsch, das Original wiederzusehen. Ein Zustand, der Künstler heute nur dazu motivieren, ja anfeuern kann, die Mechanismen dieser Sehnsuchtsmaschinerien auszuhebeln.

Der Mythos
Wo also ist Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc heute? Eine spekulative Frage, der sich eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern gestellt hat. Die „Rechercheergebnisse“, die für den Münchner Teil des Ausstellungsprojektes entstanden sind, untersuchen ausgehend von der erhaltenen „Vorzeichnung“ den Mythos des verschollenen Bildes, ergründen seine bis heute anhaltende ästhetische Faszination, verfolgen offene Fragen und mehr oder weniger gewagte Spekulationen, die sich um den Werdegang des Bildes ranken. Sie laden den Betrachter dazu ein, die Diskussion weiterzuführen.

Die Auseinandersetzung der Künstler in München
Dass die künstlerischen Recherchen mehr Fragen als Antworten bereithalten, darf man als ein Ergebnis des aktuellen Diskurses verstehen.
Von daher wundert es kaum, dass Der Turm der blauen Pferde in Slawomir Elsners großformatiger Zeichnung schemenhaft bleibt und in seiner Unantastbarkeit ein motivisches Eigenleben entwickelt. Mit der gleichen Fragestellung untersucht Jana Gunstheimer in ihrer Installation, was bleibt, wenn ein Bild über die Zeit hinweg verschlissen wird, die Erinnerung verblasst und eine zweite, verwandelte Existenz an seine Stelle tritt. Die Idee der emotionalen Vergänglichkeit beschäftigt Almut Hilf. Sie entwirft für das Projekt eine Raumcollage, in der die Ansichten der historischen Ausstellungsorte – Münchner Sezession (1916), Berliner Kronprinzenpalais (1920) und Münchner Hofgartenarkaden (1937) – einfließen. Das Gemälde aber, das den Genius loci des jeweiligen Ortes mitbestimmte, bleibt ausgespart, so dass die Imaginationskraft des Betrachters herausgefordert wird, auch auf die Gefahr hin, zu scheitern.
Der Turm der blauen Pferde wird – wie viele berühmte Gemälde – als Motiv in der Konsumgüterindustrie eingesetzt und führt im weltweiten Netz in zahllosen Abbildungen ein unkontrollierbares Eigenleben. Viktoria Binschtok untersucht in ihren Re-Inszenierungen von Merchandising Produkten dieses Phänomen. Sie hinterfragt in ihrer Serie, inwieweit niedrig aufgelöste digitale Bildinformationen durch die permanente Reproduktion der Reproduktion leerlaufen und die auf Schlüsselreize getrimmten modernen Sehgewohnheiten diese Botschaften kaum noch wahrnehmen: geradezu ein Bekenntnis zum aktuellen Status des Bildes.
Derartigen Phänomenen zeitlich voraus geht der ehemals klassische analoge Konsum von Bildern, den Dieter Blum mit der Fotografie einer werbetafelgroßen Horde von Wildpferden in Erinnerung ruft. Hier wird unmittelbar der Mythos idealisierter Sehnsucht nach Freiheit, von dem auch Franz Marcs Meisterwerk erzählt, profan gebrochen, hinterfragt und der Betrachter zugleich auf die Probe gestellt, ob die Wildpferde auch ohne den entsprechenden Marlboro-Werbetext ein für alle Mal als Imageträger mit einem Konsumprodukt assoziiert werden.
Martialische Implikationen, die im Turm der blauen Pferde aufscheinen und einen Aspekt deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegeln, werden in den Arbeiten von Tatjana Doll und Thomas Kilpper untersucht, während Dierk Schmidt in seinem Beitrag zeithistorische und psychologische Verflechtungen rund um das als entartet gebrandmarkte Werk aufdeckt.
Auf unterschiedliche Weise bricht sich insgesamt in den für das Ausstellungsprojekt entstandenen Arbeiten das rätselhafte Diktum Klaus Lankheits: „Eine alte Weisheit besagt, jedes Volk habe diejenige Kunst, die es verdiene. Hat sich uns ‚Der Turm der blauen Pferde‘ entzogen, weil wir seinem Anspruch nicht mehr gewachsen scheinen?“

Die Auseinandersetzung der Künstler in Berlin
In der Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee geht es vor allem um den Verlust des Gemäldes, die Gerüchte um sein Verschwinden und das Schweigen der Nachkriegszeit. So denkt die Fotografin Johanna Diehl intensiv über dieses Schweigen nach, das sie anhand der eigenen Familiengeschichte wie durch einen trüben Schleier sichtbar macht. Andere erfinden neue Gerüchte um das Gemälde, die nach Amerika und in die Niederlande weisen (Marcel van Eeden), oder sie kopieren das Werk, um es zu beschädigen (Norbert Bisky). Es gibt Künstler, die sich dem Thema Verlust als Leerstelle widmen (Arturo Herrera, Christian Jankowski) oder sich mit dem Moment des Todes des Malers auseinandersetzen (Rémy Markowitsch, Birgit Brenner), der zum Mythos rund um das Bild beigetragen hat. Es geht um Staub, der auf die Geschichte gefallen ist, um Kontinuitäten von Weltanschauungen und um Schatten der Vergangenheit (Peter Rösel) oder um die Frage, was geschieht, wenn Der Turm der blauen Pferde sich plötzlich wieder zeigt (Via Lewandowsky). Eine Leuchtschrift im Freien erinnert daran, dass wir nie Gewissheit haben und alles immer auch ganz anders sein könnte (Tobias Rehberger). Ein literarischer Text von Julia Franck schließlich kreist um das Verhältnis zwischen Else Lasker-Schüler und dem Künstlerfreund Franz Marc. Das Gemälde Der Turm der blauen Pferde ist 1913 unter ihrem Einfluss entstanden. Ist er, wie die erhaltene Postkartenskizze von 1912, möglicherweise sogar für sie gemalt worden? Bei Martin Assig wird ein inniges religiöses Gespräch in Gang gesetzt. Er bedient sich der vier apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes, um seine Geschichte über das Gemälde zu erzählen und bis zum flehentlichen „Komm, komm, komm“ die Trauer über den Verlust zu steigern.

Teilnehmende Künstler in München: Viktoria Binschtok, Dieter Blum, Tatjana Doll, Slawomir Elsner, Jana Gunstheimer, Almut Hilf, Thomas Kilpper, Franz Marc, Dierk Schmidt

Teilnehmende Künstler in Berlin: Martin Assig, Norbert Bisky, Birgit Brenner, Johanna Diehl, Marcel van Eeden, Julia Franck, Arturo Herrera, Christian Jankowski, Via Lewandowsky, Rémy Markowitsch, Tobias Rehberger, Peter Rösel

Das Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam hat eine Übernahme der Ausstellung in die Niederlande für Herbst 2017 zugesagt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Walther König mit Texten von Katja Blomberg, Michael Hering, Stefan Koldehoff, Roland März und Christian Welzbacher. Deutsch / Englisch, 24,80 Euro. (ISBN 978-3-96098-095-7)

Die Ausstellung wird gefördert durch PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V. sowie Vestner Aufzüge GmbH.

Kurator in München: Dr. Michael Hering


BEGLEITPROGRAMM ZUR AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN

FÜHRUNGEN
Treffpunkt: Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, Rotunde

Kuratorenführungen
DO, 04.05. | 18.30 | mit Michael Hering, Direktor und Kurator
DO, 01.06. | 18.30 | mit Michael Hering, Direktor und Kurator

LESUNG
Die blauen Pferde – Das blaue Licht. Fragmente einer erhofften Begegnung
Die Autorin Julia Franck liest aus ihrem poetischen Text, der für das Ausstellungsprojekt in Berlin entstanden ist.
MI, 22.03. | 18.30
Ort: Staatliche Graphische Sammlung München, Katharina-von-Bora-Str. 10

KOLLOQUIUM IN ZUSAMMENARBEIT MIT DEM ZENTRALINSTITUT FÜR KUNSTGESCHICHTE
Franz Marc: Der Turm der blauen Pferde (1913) und die Rezeption „entarteter“ Kunst nach 1945
MI, 05.04.
13.15 | Führung durch die Ausstellung mit Michael Hering
Ort: Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40
15.15 | Kolloquium im Zentralinstitut für Kunstgeschichte
Ort: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Katharina-von-Bora-Str. 10
Weitere Informationen
www.zikg.eu/veranstaltungen

zum Bild oben:
Tatjana Doll, RIP – Lost and Found, 2016; Lackfarbe auf Leinwand, 300 x 200 cm / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017; Foto: Tatjana Doll
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Hörspieltipps 
 
 
Hörspieltipp: Achtung, sagst du
Hörspiel von Mia Frimmer
Mit Bernhard Schütz und Britta Steffenhagen
Regie: die Autorin
(Produktion: SWR 2017)
Dieses Hörspiel steht nach der Sendung als Download auf swr2.de/tandem
Länge: ca. 25 Minuten

„Bei ihm findet alles unter Wasser statt, nur die Flosse guckt oben raus. Am liebsten würde er immer mit offener Hose rumrennen. Und ich glaube ihm alles. Wie blöd kann man eigentlich sein?"
Sie als Pfütze, er als Tiefsee. Hai und Muschel am Strand. Klischee total, aber vielleicht schafft sie den Absprung. Das ist von Anfang an keine Liebe, sondern ein Schnitzel. Erstes Treffen unter KollegInnen, dann Fahrt an den Strand und hinterher Kampf gegen das Weiterverlieben. Wie stellt man das ab? Keine Ahnung. Kragen hoch, Kapuze tiefer ins Gesicht und nicht mehr dran denken. So vielleicht. Das Zartrosane in dir ist in der Schusslinie, hol es da raus. Zum Glück ist der Typ ein Text und sonst nichts. Reine Projektion.

Ursendung
Dienstag, 28.03.2017, 19:20 Uhr, SWR2 Tandem
 
 

Buchtipps 
 
Buchtipp: Verena Lugert
 
Buchtipp: Verena Lugert "Die Irren mit dem Messer"
„In den Küchen der Spitzen-Gastronomie wird ebenso viel geweint und gelitten wie gekocht." (Verena Lugert)

Was treibt Menschen dazu, sich in die Küche eines Cholerikers wie Gordon Ramsay zu begeben, dort sechzehn Stunden am Tag zu malochen, körperliche Schmerzen und Erniedrigung zu erdulden und sich einem unvorstellbaren Anspruch nach Perfektion auszusetzen? Mit Ende dreißig sagt Verena Lugert ihrem spannenden Job als Journalistin Adieu, um ihr Glück künftig in den Küchen der Spitzengastronomie zu suchen. Sie fängt als kleinstes Licht in der Brigade an, in einer gnadenlosen Hackordnung. Sie schrubbt mit Asbesthandschuhen glutheiße Herde, zerlegt Schweinsköpfe, versteckt sich vor ihrem cholerischen Chef in der Kühlkammer, weint, tobt und zweifelt - und erlebt dennoch in der Küche Momente des höchsten Glücks. Sie erzählt vom gnadenlosen Druck und den Adrenalin-Junkies der Branche, die sich mit Drogen wachhalten und jeden argwöhnisch auf Herz und Nieren prüfen, der neu ist in ihrem Revier. Neben Demut, Disziplin und Akribie lernt sie wirklich kochen - so gut, dass sie sich traut, an Gordon Ramsays Kochwettbewerb teilzunehmen. Ein schonungsloser Bericht über Schweiß und Tränen in der Spitzen-Gastronomie.

Die Autorin Verena Lugert, geboren 1973, absolvierte die Henri-Nannen-Schule, pendelte als Journalistin zwischen Bali und Hamburg und schrieb Reportagen u.a. für Stern, Geo, Merian, Neon und Annabelle. An der legendären Kochschule Le Cordon Bleu in London ließ sie sich zur Köchin ausbilden und begann anschließend als kleinstes Licht in einer Brigade des Celebrity-Kochs Gordon Ramsay.

Knaur Verlag 2017, 272 Seiten, EUR 19,99 (D)
ISBN: 978-3-426-21424-4
 
 

Sonstiges 
 
 
Diskussion: Raymond Queneau "Neuübersetzung der Stilübungen"
Donnerstag, den 30. März 2017 | 20.00 Uhr
Galerie des Kommunalen Kino – Uracherstraße 40, 79102 Freiburg

Das Literaturbüro Freiburg und das Centre Culturel Français Freiburg freuen sich, am Donnerstag, den 30. März 2017 um 20:00 Uhr zur Diskussion über die Neuübersetzung von Queneaus Stilübungen einladen zu dürfen.
In einem Pariser Bus beschimpft ein junger Mann einen älteren Herren, setzt sich dann auf einen freien Platz und taucht zwei Stunden später an der Gare Saint-Lazare wieder auf, wo ihm gesagt wird, dass an seiner Jacke ein Knopf fehlt. Diese Alltagsszene wird in Queneaus Meisterwerk „Stilübungen“ in über hundert Literaturvariationen umgewandelt: Komödie, Sonett, Haiku, Traum, Amtsschreiben oder Verhör, in Alexandrinern oder Jugendstil, kulinarisch, lautmalerisch oder reaktionär…
Die Übersetzer Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel präsentieren ihre neue und erweiterte Übersetzung von Queneaus „Stilübungen“.
Eintritt: € 7 / € 5 ermäßigt
 
 

Sonstiges 
 
 
Karlsruhe: Karlsruher Heimaten
Nächster "Historischer Mittwochabend" ermöglicht Rundgang durch entstehende Doppelausstellung

Im Rahmen der Heimattage Baden-Württemberg präsentieren das Stadtmuseum im Prinz-Max-Palais und das Pfinzgaumuseum in der Durlacher Karlsburg vom 23. April und bis zum 29. Oktober die Doppelausstellung "Karlsruher Heimaten". Als Schwerpunkt der großen Ausstellung in den beiden städtischen Museen werden historische und aktuelle, offizielle und ganz persönliche Perspektiven auf das Thema gezeigt und dabei die Bedeutung von "Heimat" vorgestellt.

Beim "Historischen Mittwochabend" am 29. März um 19 Uhr geben Kuratorinnen und Kuratoren sowie die Ausstellungsgrafikerin bei einem Rundgang durch den entstehenden Ausstellungsteil im Stadtmuseum Einblicke in ihre Arbeit. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.
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